Columbia Threadneedle | Halbjahresausblick Aktien: KI ist kein Garant für Erfolg
Nicolas Janvier, Head of North American Equities und Neil Robson, Head of Global Equities, EMEA, bei Columbia Threadneedle Investments
Investmentfonds.de | FRANKFURT/WIEN, 24. Juni 2026. Der Ausblick für Aktien ist dank des aktuellen Gewinnwachstums positiv, selbst angesichts anhaltender geopolitischer Unsicherheiten. Doch der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) verursacht Umwälzungen, und auch die Performanceunterschiede sind größer geworden – das erfordert Diversifizierung und Selektivität bei der Titelauswahl. Die Märkte sind heute durch große Schwankungen geprägt. Der Ausbau von KI beschert den Nutznießern überdurchschnittliche Gewinne – Bereiche, die als Verlierer dieser Entwicklung gelten, geraten dagegen unter Druck.
KI: Zunehmende Performancestreuung
Die Märkte haben die Auswirkungen geopolitischer Ereignisse und die damit verbundene Unsicherheit bislang weitgehend ausgeblendet. Dadurch haben einige Indizes, insbesondere US-amerikanische, neue Allzeithochs erreicht. Gleichzeitig sorgt das Thema KI weiterhin für eine große Streuung. Die Spitzenreiter scheinen vor allem von den Investitionen in Rechenzentren zu profitieren. Die Investitionsausgaben sind erheblich und werden bis 2030 voraussichtlich rund 3,5 Billionen US-Dollar erreichen. Auch wenn die Bewertungen hoch erscheinen, dürften anhaltende Investitionen in Verbindung mit Angebotsengpässen die Kurse dauerhaft stützen.Anleger konzentrieren sich zunehmend auf Unternehmen, die vom Thema KI profitieren, und wenden sich von jenen ab, die von Disruptionen betroffen sind. In diesem Umfeld ist die Titelauswahl entscheidender als eine breite Allokation in den Sektor. Software- und datengesteuerte Unternehmen gelten beispielsweise zunehmend als anfällig für Störungen durch agentische KI – Systeme, die ein gewisses Maß an Autonomie haben und Aufgaben zunehmend eigenständig planen und ausführen. Zwar sind die Bewertungen solcher Unternehmen attraktiver geworden und manche Bedenken mögen übertrieben sein. Die Unsicherheit über ihre langfristige Ertragskraft bleibt jedoch bestehen. Daher bleiben wir in diesem Bereich vorsichtig, bis mehr Klarheit herrscht.
Jenseits des KI-Booms: Geduld ist geboten
Die Wertentwicklung in einigen KI-unabhängigen Segmenten war bislang verhalten. Der Finanz- und Energiesektor scheint jedoch attraktiv bewertet zu sein, und auch in anderen Bereichen gibt es ausgewählte Einstiegsmöglichkeiten. Bis Gewinne realisiert werden können, wird es allerdings noch einige Zeit dauern. Sollte der Druck auf die Energiepreise nachlassen, könnten sich dadurch breitere Chancen ergeben. Vorerst braucht es jedoch Geduld.Ermutigende Anzeichen gibt es zudem in den Bereichen Maschinenbau und Industrie. In Japan erstreckt sich die Dynamik beispielsweise über die KI hinaus und bis in die Fabrikautomation, den Handel und die Elektronikbranche. Auch kapitalintensive Sektoren wie die Industrie und die Elektroausrüstung werden zunehmend attraktiver. Sie weisen hohe Markteintrittsbarrieren auf und bilden ein potenzielles Gegengewicht zu Segmenten, die im Moment unter Druck stehen, wie etwa der Softwarebranche.
Solides Gewinnwachstum – vor allem im Tech-Bereich
Zu Beginn des Jahres 2026 erwarteten wir ein Gewinnwachstum im niedrigen zweistelligen Bereich – und lagen damit am oberen Ende der damaligen Markterwartungen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Trotz geopolitischer Gegenwinde fallen die Prognosen robust aus, und die Unternehmen bleiben widerstandsfähig. Laut unserer Analyse dürfte diese Dynamik bis zum Jahresende anhalten. So prognostizieren wir beispielsweise für die US-Large-Caps ein Gewinnwachstum im niedrigen bis mittleren Zehnerbereich. Diese Stärke ist jedoch konzentriert, denn eine Handvoll leistungsstarker Mega-Caps verzerrt nach wie vor das Gesamtbild. Das unterstreicht erneut, wie wichtig eine selektive Aktienauswahl bei der Portfoliozusammenstellung ist.Technologieunternehmen und Unternehmen aus verwandten Sektoren bleiben robust. Chiphersteller und Hardware-Anbieter wurden erheblich aufgewertet. Dank der robusten Nachfrage und des knappen Angebots verfügen starke, etablierte Unternehmen weiterhin über Preissetzungsmacht, was sich in höheren Margen und Gewinnen niederschlägt. Wir gehen davon aus, dass sich diese Dynamik fortsetzt, und bleiben in diesem Bereich weiterhin übergewichtet.
Qualität schlägt Wachstum, Large Caps schlagen Small Caps
Die Unterschiede werden größer – zwischen und auch innerhalb von Sektoren, Faktoren sowie über unterschiedliche Marktkapitalisierungen hinweg. Dennoch bleibt Diversifizierung entscheidend. Die Ereignisse im Nahen Osten haben dazu geführt, dass der Energiesektor unabhängig vom KI-Thema eine Outperformance erzielt hat. Gleichzeitig profitieren Sektoren der „Old Economy“, beispielsweise Bau, Rohstoffe und Maschinenbau, gerade aufgrund ihrer Verbindung zur KI-Infrastruktur. Mögliche Engpässe im Bauwesen und im Energiesektor könnten das Entwicklungstempo dieser Unternehmen jedoch bremsen.Insgesamt hat im Segment der Large Caps die Qualität das Wachstum übertroffen. Auch im Vergleich zu kleinen und mittelgroßen Unternehmen haben sich größere Unternehmen besser entwickelt. Die Gesamtperformance wird jedoch weiterhin durch den überproportionalen Beitrag der Technologiegiganten verzerrt. KI dürfte dabei der dominierende Markttreiber bleiben, und eine kleine Gruppe von Hyperscale-Unternehmen prägt dabei die Gewinnentwicklung maßgeblich. Deshalb sollten auch kleinere Unternehmen nicht außer Acht gelassen werden: Viele von ihnen bieten Zugang zu zyklischen Chancen und können die starke Gewichtung von Technologiewerten im breiteren KI-Ökosystem ergänzen.
Aus geografischer Sicht ist die Attraktivität Europas hervorzuheben, denn die Region wird durch eine expansive Fiskalpolitik gestützt. Allerdings dämpfen die hohen Energiepreise die kurzfristigen Aussichten. Eine regionale Diversifizierung ist nach wie vor sinnvoll: Japans Transformation schreitet weiter voran, und auch die Schwellenländer gewinnen an Fahrt. Doch Vorsicht: Innerhalb der Schwellenländer gibt es große Konzentrationsrisiken, sowohl bei einzelnen Unternehmen als auch auf Branchenebene.
Fundamentaldaten sichern gegen Risiken ab
Die Aktienmärkte dürften sich auch in Zukunft positiv entwickeln, doch Risiken bleiben bestehen: Die Inflation ist nach wie vor ein zentraler Faktor, der die Politik der Zentralbanken, die Kostenstrukturen der Unternehmen und die Konsumausgaben beeinflusst. Gerade Verbraucher mit geringem Einkommen stehen unter Druck. Insgesamt sind wir jedoch der Ansicht, dass das Risiko-Ertrags-Verhältnis nach oben tendiert.Auch dürfte die Volatilität angesichts der geopolitischen Unsicherheiten anhalten. Weitere Störungen in den Lieferketten, eine anhaltende Inflation und eine straffere Geldpolitik können zudem die kurzfristige Stimmung beeinträchtigen. Das Gewinnwachstum sollte dennoch robust bleiben.
Die Fundamentaldaten sind daher der wichtigste Faktor bei der Titelauswahl, insbesondere die Cashflows und die Rentabilität. Langfristiger Erfolg beruht im zweiten Halbjahr 2026 umso mehr darauf, qualitativ hochwertige und attraktiv bewertete Unternehmen zu finden.
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