Vanguard I EZB-Vorschau April 2026: EZB vor Zinspause – Spielraum schrumpft, Risiken steigen
Josefina Rodriguez, Economist bei Vanguard
Hier der korrigierte Text: EZB-Vorschau April 2026: EZB vor Zinspause – Spielraum schrumpft, Risiken steigen
Von Josefina Rodriguez, Economist bei Vanguard
28. April, Frankfurt.Die EZB dürfte ihre Leitzinsen auf der April-Sitzung unverändert bei 2 Prozent belassen. Höhere Energiepreise treiben die Inflation zwar kurzfristig wieder nach oben, zugleich verliert die Wirtschaft im Euroraum aber an Schwung. Aus Sicht von Vanguard spricht diese Kombination derzeit gegen eine sofortige geldpolitische Reaktion. Die Notenbank dürfte daher an ihrer datenabhängigen Haltung festhalten, Vorsicht und Flexibilität betonen und vor allem mögliche Zweitrundeneffekte genau beobachten. Insgesamt bleibt die Erwartung, dass der Einlagensatz auch 2026 bei 2 Prozent bleibt – auch wenn die Lage für die EZB zunehmend heikler wird und die Risiken eher in Richtung einer strafferen Geldpolitik weisen. So lautet die Einschätzung von Josefina Rodriguez, Economist bei Vanguard Europe, in einem Marktkommentar.
Wir erwarten, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen auf der Sitzung am kommenden Donnerstag unverändert bei 2 Prozent belässt. Zwar dürften die weiterhin erhöhten Energiepreise die Gesamtinflation kurzfristig nach oben treiben, doch sprechen die nachlassende Wachstumsdynamik und die große Unsicherheit über die Dauer des Preisdrucks gegen eine unmittelbare geldpolitische Reaktion. Vor diesem Hintergrund dürfte der EZB-Rat Vorsicht und Flexibilität betonen, an einer klar datenabhängigen Ausrichtung festhalten und auf deutlichere Hinweise auf Zweitrundeneffekte warten. Obwohl wir weiterhin davon ausgehen, dass die Zinsen 2026 unverändert bleiben, bewegt sich die geldpolitische Ausrichtung der EZB zunehmend auf einem schmalen Grat.
Energiepreise etwas gesunken – Umfeld bleibt angespannt
Die Energiemärkte haben sich seit Mitte März etwas beruhigt, nachdem Öl- und Gaspreise einen Teil ihres zuvor starken Anstiegs infolge nachlassender Spannungen im Nahen Osten wieder abgegeben haben. Dennoch liegen die Preise weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau, und auch die Terminstrukturkurven haben sich nach oben verschoben. Anhaltende Angebotsengpässe und hohe Preise für raffinierte Produkte deuten darauf hin, dass Energie die Inflation weiterhin nach oben treiben dürfte. Insgesamt bleibt das Energieumfeld damit deutlich ungünstiger als noch zu Jahresbeginn.
Inflationsrisiken rücken wieder stärker in den Fokus
Die Gesamtinflation stieg im März auf 2,6 % und dürfte sich im April weiter beschleunigen. Wir erwarten einen Anstieg auf rund 3,1 %, vor allem getrieben durch höhere Energiepreise. Die Kerninflation dürfte kurzfristig hingegen nur moderat zulegen, auch wenn Frühindikatoren auf zunehmenden Preisdruck hindeuten: Die Preiskomponente im vorläufigen April-PMI ist deutlich gestiegen, ebenso die Inflationserwartungen der Verbraucher und die Preissetzungsabsichten der Unternehmen. Vor dem Hintergrund des Energieschocks haben wir unsere Inflationsprognosen für 2026 im „Moderate“-Szenario (Ölpreis 90 bis 100 US-Dollar pro Barrel, Gaspreis rund 60 Euro/MWh für ein bis zwei Quartale) nach oben revidiert: Die Gesamtinflation sehen wir nun bei 2,5 Prozent (+0,9 Prozentpunkte), die Kerninflation bei 2,1 Prozent (+0,3 Prozentpunkte). Insgesamt bleiben die Inflationsrisiken klar nach oben gerichtet.
Wachstum verliert an Dynamik
Aktuelle Indikatoren deuten darauf hin, dass die Wirtschaft im Euroraum an Schwung verliert. Stimmungsumfragen haben sich sektorenübergreifend eingetrübt, sowohl bei der aktuellen Lage als auch bei den Erwartungen. Im gleichen „Moderate“-Szenario haben wir unsere Wachstumsprognose für 2026 um 0,4 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent gesenkt. Rund drei Viertel der Wachstumsдämpfung sind direkt auf höhere Energiepreise zurückzuführen, der Rest auf restriktivere Finanzierungsbedingungen.
Ausblick zwischen Basis- und Negativszenario der EZB
Im Vergleich zu den EZB-Projektionen vom März zeigt sich ein schwächeres Wachstum bei gleichzeitig etwas höherem Inflationsdruck, wobei der Schock deutlich geringer ausfällt als während der Energiekrise 2022. Dieses „Zwischenszenario“ spricht für Geduld in der Geldpolitik bei gleichzeitigem Erhalt der Handlungsoptionen.
Geldpolitische Botschaft: Geduld bei erhöhter Wachsamkeit
Die jüngste Kommunikation von EZB-Vertretern deutet auf wenig Bereitschaft zu kurzfristigen geldpolitischen Anpassungen hin. Der EZB-Rat dürfte betonen, dass die aktuelle Ausrichtung angemessen ist, gleichzeitig aber auf die bestehenden Aufwärtsrisiken für die Inflation hinweisen. Erwartet wird eine klare Betonung der Datenabhängigkeit sowie eine enge Beobachtung der eingehenden Daten – insbesondere mit Blick auf mögliche Zweitrundeneffekte.
Pressekonferenz dürfte Kontinuität unterstreichen
EZB-Präsidentin Christine Lagarde dürfte einen ähnlichen Ton anschlagen: Ein vorübergehender und begrenzter Energieschock könne grundsätzlich ausgeblendet werden, bei Anzeichen für anhaltenden Inflationsdruck müsse jedoch gehandelt werden. Zudem dürfte sie die Bedeutung der anstehenden Daten bis zur Juni-Sitzung hervorheben, wenn neue Stabsprojektionen eine klarere Einschätzung des mittelfristigen Ausblicks ermöglichen. Konkrete Signale für kurzfristige geldpolitische Schritte erwarten wir nicht.
Unsere Einschätzung
Wir gehen weiterhin davon aus, dass der Einlagensatz der EZB über das gesamte Jahr 2026 hinweg bei 2 Prozent bleibt. Aus unserer Sicht sollte die EZB den aktuellen Schock vorerst ausblenden – insbesondere, da sich Inflation und Lohnwachstum vor dem jüngsten Energieschock nahe am Zielwert bewegt hatten und die Inflationserwartungen insgesamt gut verankert bleiben. Gleichwohl bewegt sich die geldpolitische Ausrichtung zunehmend auf einem schmalen Grat. Die Risiken weisen eher in Richtung einer strafferen Geldpolitik, insbesondere falls die Energiepreise hoch bleiben oder sich Anzeichen für anhaltenden Inflationsdruck verstärken.
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