LFDE Macroscope: So nah und doch so fern
Olivier de Berranger, Chief Investment Officer und Enguerrand Artaz,
Fondsmanager La Financière de L`Echiquier
Lassen wir für einen Augenblick den Gegensatz zwischen der Lockerungspolitik der Zentralbanken und einer mauen Gesamtwirtschaft, der das erste Quartal dominierte, beiseite und widmen uns einem der großen Schreckgespenster des vergangenen Jahres: der (Geo)Politik.
Beide Hauptthemen - die Handelsgespräche zwischen den USA und China, wie auch der Brexit - scheinen auf die Zielgerade eingebogen zu sein. Aber es sind noch zu viele Wendungen möglich und daher ist weiterhin Wachsamkeit gefragt.
Die Woche war prallvoll mit Nachrichten von der Handelsfront. Am Sonntag vor einer Woche verlängerte China das Moratorium zur Aussetzung neuer Zölle auf Automobile und Zulieferteile aus den USA, das am 1. April auslaufen sollte. Dies wurde als Zeichen des guten Willens vor Wiederaufnahme der Gespräche in Washington gewertet, deren Höhepunkt das Treffen zwischen dem chinesischen Vize-Ministerpräsident Liu He und US-Präsident Donald Trump am Donnerstag war. Nach dem Gespräch sagte Trump, die USA und China stünden kurz vor dem Zustandekommen eines Abkommens und könnten dieses binnen vier Wochen schließen, wobei er "etwas Monumentales" ankündigte. Eine sehr positive Nachricht, die jedoch nicht alle Zweifel beseitigt. Denn Trump warnte, ein Scheitern der Gespräche könne das Ende der Verhandlungen bedeuten, und sein Handelsbeauftragter Robert Lighthizer wies darauf hin, dass noch mehrere "größere Probleme" zu lösen seien. Das Risiko scheint bei diesem Thema nun leicht asymmetrisch zu sein, und die Märkte, die einen positiven Ausgang der Verhandlungen eingepreist haben, könnten bei einer Wendung auf dem falschen Fuß erwischt werden.
Beim Brexit erzielte keine der neun alternativen Optionen, die den Abgeordneten auf der Sitzung am vergangenen Montag vorgelegt wurden, eine Mehrheit. Premierministerin Theresa May änderte daher abermals ihre Strategie. Sie reichte ihrem Labour-Widersacher Jeremy Corbyn die Hand, bat um eine kurze Verlängerung der Frist von Artikel 50 und rief zu einem parteiübergreifenden Bündnis auf, um auf dem EU-Gipfel am 10. April eine Lösung präsentieren zu können. Es geht nicht um Änderungen an dem mit der EU im November vereinbarten Abkommen, sondern um die Neugestaltung der zum Gesamtpaket gehörenden politischen Erklärung. Der Labour-Chef ergriff die ihm gereichte Hand der Premierministerin sofort, die Gespräche sind zur Stunde jedoch noch nicht zum Ende gekommen.
Dieser Kompromissversuch zwischen Regierung und Opposition wird in Brüssel wohlwollend aufgenommen. Der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, äußerte die Idee eines flexiblen Aufschubs des Brexit-Termins um bis zu 12 Monate. Bei dieser Option könnte das Vereinigte Königreichdie EU verlassen, sobald die Ratifizierung des Abkommens im Unterhaus erfolgt ist. Die europäischen Staats- und Regierungschefs müssen dies allerdings noch einstimmig beschließen. Das Risiko für die Märkte scheint jedenfalls etwas ausgewogener zu sein als beim Thema Handelskrieg. Zwar würde ein ungeregelter Brexit insbesondere an den europäischen Märkten und allen voran im Vereinigten Königreich einen Schock auslösen, doch die möglichen Szenarien sind so zahlreich und unklar, dass auch ein positiver Ausgang nicht vollständig eingepreist ist.
Auch wenn das Risiko einer Wendung in letzter Minute nicht auszuschließen ist, scheint in jedem Falle ein Ende in Sicht. Ein positiver Abschluss wäre für die Märkte eine gute Nachricht, jedoch nicht zwangsläufig ein ausreichend starker Impulsgeber, um eine Hausse tragen zu können. Dies würde allerdings mehr Transparenz für die Anleger bieten und ihnen ermöglichen, sich nun, da bei den Unternehmen die Berichtssaison für das erste Quartal ansteht, wieder auf die wirtschaftlichen Fundamentaldaten zu konzentrieren.
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