Renten-Studie belegt erstmals empirisch: Vorsorgelücke deutlich größer als geschätzt
Klaus Mössle, Leiter Institutionelles Geschäft bei Fidelity Worldwide Investment
Den Deutschen droht im Rentenalter eine größere Vorsorgelücke als bislang
angenommen. Während Schätzungen derzeit von rund 70 Prozent des letzten
Nettoeinkommens für die Lebensstandard-Sicherung ausgehen, ist der Bedarf
deutlich größer: Im Schnitt müssen die Bürger bei Eintritt ins Rentenalter
rund 87 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens für einen auskömmlichen
Lebensabend erzielen. Für einen Standardrentner sind das 350 Euro pro
Monat netto mehr als bislang gedacht. Das ergab eine Studie der Ruhr-
Universität Bochum im Auftrag des unabhängigen Vermögensverwalters
Fidelity Worldwide Investment. Damit legen die Forscher erstmals eine
empirische Grundlage zur Berechnung der Vorsorgelücke in Deutschland
vor.
Alle bisherigen Aussagen zum Bedarf im Rentenalter beruhen auf Annahmen
und Schätzungen. "Was die Lebensstandard-Sicherung im Alter konkret
bedeutet, wurde in Deutschland bislang nicht untersucht", erklärt Martin
Werding, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der
Ruhr-Universität und Autor der Studie. "Der Bedarf im Alter wurde von
der Fachwelt entweder theoretisch abgeleitet oder willkürlich vorgegeben.
Alle Versuche, ein angemessenes Niveau der Vorsorge zu bestimmen, hingen
somit empirisch in der Luft."
Um die Debatte zur Vorsorgelücke auf eine wissenschaftlich fundierte
Basis zu stellen, werteten die Forscher im Auftrag von Fidelity Daten
des Sozio-ökonomischen Panels des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW
Berlin aus, einer repräsentativen Längsschnittbefragung von 20.000
Personen in rund 11.000 privaten Haushalten.
Auch die betriebliche Altersvorsorge (bAV) in Deutschland führt im internationalen Vergleich eher ein Schattendasein. So stammen in Dänemark bereits 17 Prozent der Altersbezüge aus der betrieblichen Altersvorsorge, in den Niederlanden sogar ein Drittel. Hierzulande nutzen jedoch nur wenige Arbeitnehmer ihren seit 2002 gesetzlich verankerten Anspruch auf Entgeltumwandlung, vor allem im Mittelstand ist die Verbreitungsquote gering. "Der Anteil der betrieblichen Altersvorsorge an den Gesamt- rentenbezügen liegt in Deutschland lediglich bei 4 Prozent. Künftig werden jedoch 25 bis 30 Prozent notwendig sein, um diese deutlich höhere Ersatzquote von 87 Prozent zu erreichen", so Mössle. Mössle plädiert dafür, die bAV zu einer tragenden Säule neben der privaten Vorsorge nach dem Vorbild vieler europäischer Länder auszu- bauen: "Hier müssen neue Wege beschritten werden. Wir befürworten die Einführung einer automatischen Entgeltumwandlung mit Ausstiegs- möglichkeit und voller Beitragsflexibilität für den Arbeitnehmer. Diese Vorsorgepflicht sollte in jedem Arbeitsvertrag verankert sein und stellt eine einfache sowie transparente Lösung für Unternehmen und Mitarbeiter dar." Als Zwischenschritt wäre auch eine Ent- scheidungslösung denkbar, bei der Unternehmen per Gesetz jedem Neueinsteiger ein Angebot zur Entgeltumwandlung zu unterbreiten haben und Arbeitnehmer in regelmäßigen Abständen dazu auffordern müssen, sich aktiv mit dieser Frage auseinanderzusetzen. "Die kapitalgedeckte individuelle bAV ist eine effiziente und kosten- günstige Lösung, um die Vorsorgelücke zu schließen und wir sollten nichts unversucht lassen, um die Akzeptanz für diesen weiteren Vorsorgeweg und damit die bAV-Beteiligung in Deutschland insgesamt zu steigern." Der Handlungsspielraum des Staates ist nach den jüngsten Renten- reformen, insbesondere nach dem Altersvermögensergänzungsgesetz und dem RV-Nachhaltigkeitsgesetz, und wegen der massiven impliziten Staatsverschuldung relativ begrenzt. So wird das Leistungsniveau der Gesetzlichen Rentenversicherung bis 2030 auf nur 43 Prozent sinken - und das bei nahezu unverändertem Rentenbeitrag und höherem Renteneintrittsalter. Zwar gibt es noch die Möglichkeit einer Aufnahme von Beamten und Selbstständigen in die gesetzliche Renten- versicherung, doch das birgt verfassungsrechtliche Fragen. "Außerdem würden die Lasten mit einer solchen Aktion lediglich weiter in die Zukunft verlagert. Unsere westlichen Demokratien haben in wirtschaft- lichen und demografischen Boom-Zeiten zu Lasten der kommenden Generationen zu viel versprochen", konstatiert Mössle. Das könnte auch die zögerliche Haltung der Deutschen bei der Vorsorge begründen.
Ebenso wie die Tatsache, dass ihnen die drohende Rentenlücke aufgrund der unterschiedlichen Schätzungen immer zu abstrakt und zu vage vorkam. "Bislang wussten die Bürger ja nicht, wie hoch ihre Renten- lücke im Alter und damit ihr Sparziel überhaupt sind. Die Studie schafft nun eine konkrete Planungsgrundlage und damit mehr Klarheit und Orientierung in der aktuellen Rentendiskussion und bei der privaten Finanzplanung", so Mössle. Zur Forschungsmethode Die Forscher werteten Daten des Sozio-ökonomischen Panels des Wirt- schaftsforschungsinstituts DIW Berlin aus, eine repräsentative Längsschnittbefragung von 20.000 Personen in rund 11.000 privaten Haushalten. Untersucht wurden konkret Personen, die zwischen 1992 und 2011 in Rente gingen. Mittels ökonometrischer Methoden ermittelten die Forscher die Zufriedenheit der Befragten mit ihrem jeweiligen Einkommen zwischen Renteneintritt und dem 75sten Lebensjahr und leiteten daraus diejenige Rentenersatzquote ab, bei der die Zufriedenheit unverändert bleibt. Die Untersuchung soll in einem zweiten Schritt mit Analysen von Daten zum Verbraucher- und Konsum- verhalten ergänzt werden, um genaueren Aufschluss über die Lebens- verhältnisse und konkreten Bedarfe von Rentnerhaushalten zu erhalten.
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