Global View der Bank Sarasin: Weltwirtschaft trotzt Krisen
Dr. Jan Amrit Poser, Leiter Research und Chefökonom der Bank Sarasin
«Die Vehemenz des Aufschwungs nach der tiefsten Rezession seit 80 Jahren hat alle
Erwartungen übertroffen. Trotzdem wird immer klarer, dass die Weltwirtschaft nach
erneut überschäumendem Wachstum auf einen stetigeren, aber niedrigeren Expansionspfad
gebracht werden muss. Die Zentralbanken der Industrieländer scheuen jedoch noch das
Risiko, die Wirtschaft neuen Schocks auszusetzen.»
Philipp E. Bärtschi, Chefstratege der Bank Sarasin
«Solange die Wachstumsbeschleunigung in den USA sowie in Europa anhält, dürften
die positiven Argumente für Aktien die bestehenden Risikofaktoren in den Hintergrund
drängen. Wir sehen in den nächsten Monaten signifikantes Aufwärtspotenzial für die
Aktienmärkte. Allfällige Korrekturen dürften nur von kurzer Dauer sein und der
Aufwärtstrend an den Aktienmärkten sollte mindestens bis in den Sommer anhalten.»
Zinsschritte in Aussicht
Neben der Entwicklung der Risikoaversion ist besonders die Reaktion der
Zentralbanken auf die Unruhen in der arabischen Welt und das Erdbeben in Japan
für die Anleihenmärkte im nächsten Quartal von Bedeutung. Die Zentralbanken
dürften deshalb von einem mittelfristigen Szenario mit weiterhin hohen Öl- und
Nahrungsmittelpreisen ausgehen. In den Industriestaaten werden die Zentralbanken
wohl eher Risiken auf der Inflations- als auf der Wachstumsseite eingehen. In
den USA spielen die Inflationssorgen bis auf Weiteres eine sekundäre Rolle und
die US-Notenbank wird wohl auf den Arbeitsmarkt fokussiert bleiben und die Zinsen
vorerst nicht erhöhen. Eine weniger expansive Geldpolitik ist von der Europäischen
Zentralbank zu erwarten. Aufgrund der Schwierigkeiten in der Peripherie ist nur
mit einem sehr graduellen Anstieg der Leitzinsen von einem Viertelprozentpunkt
pro Quartal zu rechnen. Auch einem ersten Zinsschritt der Schweizerischen
Nationalbank im Juni 2011 würde nichts mehr im Wege stehen, da sich die Schweizer
Wirtschaft in einer sehr robusten Verfassung präsentiert.
Rohstoffe weiterhin gefragt Die Rohstoffpreise haben ihren positiven Trend von Ende des letzten Jahres bis Anfang März fortgesetzt und bleiben aufgrund der Wirtschaftsentwicklung weiterhin gefragt. Für die breiten Rohstoffindizes ist eine Rendite von etwa 15 Prozent über die nächsten zwölf Monate hinweg zu erwarten. Auch die Basismetalle konnten dem Ausverkauf im Zuge der steigenden Risikoaversion an den Finanzmärkten nicht trotzen. Dennoch bleiben die Basismetalle sehr stark vom Wachstum in China abhängig. Die aktuell anhaltenden Unsicherheiten bilden ein positives Umfeld für Gold. Trotzdem trübt sich der längerfristige Ausblick mit der angedeuteten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank etwas ein. Bei den Agrargütern ist längerfristig mit steigenden Preisen zu rechnen. Und auch die Erdölpreise könnten aufgrund der politischen Unruhen im Mittleren Osten, dem Ausfall einiger japanischer Atom- kraftwerke sowie der Abschaltung solcher in Deutschland, weiter steigen. Schwellenmärkte: GCC-Aktienmarkt profitiert stärker vom Ölpreisanstieg als der indische Die Sorge über ein mögliches Übergreifen der politischen Unruhen in Nordafrika auf die Region am Persischen Golf hat das Anlegervertrauen in den letzten Monaten getrübt. Indes hat der gestiegene Ölpreis ein gutes Umfeld für Anlagen in die Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) geschaffen. Angesichts der stabilen politischen Lage in den Vereinigten Arabischen Emiraten dürfte Dubai wieder in der Gunst der Anleger steigen. Gleiches gilt für Katar und Kuwait, wo es bislang nicht zu politischen Spannungen gekommen ist. Wir halten deshalb den jüngsten Marktrückschlag für eine gute Einstiegsgelegenheit für längerfristig orientierte Anleger. Dagegen dürfte der indische Aktienmarkt unter dem drohenden Anstieg der Rohstoffpreise leiden. Es bestehen weiterhin große Inflationsängste, und die jüngste Erholung des indischen Marktes könnte kurzfristiger Natur sein. Die Reserve Bank of India muss die Zinsen weiter erhöhen, um die Inflation und – wichtiger noch – die Inflationserwartungen zu kontrollieren. Wir erwarten eine weitere Verlangsamung des indischen Wirtschafts- wachstums im Sommer verbunden mit einer restriktiveren Geldpolitik. Vorerst werden indische Aktien möglicherweise weiterhin hinter den Titeln aus anderen Schwellenmärkten zurückbleiben. Unsere bevorzugten Schwellenmärkte bleiben im 2011 weiterhin China und Russland. Der russische Aktienmarkt ist noch immer günstig bewertet, und der höhere Ölpreis dürfte in den nächsten Monaten einen deutlichen Anstieg der Gewinnerwartungen bewirken.
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