BDL: Was ist vom Anstieg des Goldpreises zu halten?
Es fällt schwer, Gold als etwas anderes als eine Spekulation zu betrachten, dies habe ich bereits mehrfach dargelegt: Die wirtschaftlichen Einsatzmöglichkeiten sind begrenzt, und es generiert keinerlei Einnahmen. Mangels innerem Wert lässt sich – zumindest nach konventionellen Maßstäben – kein Preis definieren. Sein Wert basiert einzig auf der Tatsache, dass andere es als wertvoll einstufen. Mit Gold lässt sich nur dann Geld verdienen, wenn eine Gegenpartei zur Zahlung eines noch höheren Preises bereit ist. Warren Buffet erklärte dies einmal so: „Gold wird in Afrika oder irgendwo sonst aus dem Boden ausgegraben und danach eingeschmolzen. Dann wird irgendwo anders ein neues Loch gegraben, um es darin wieder zu verbuddeln und Leute dafür bezahlt, um an diesem Loch herumzustehen und es zu beschützen. Gold hat keinen Nutzen. Jemand, der dies vom Mars aus beobachtet, würde sich am Kopf kratzen." Es gab in der Vergangenheit jedoch Phasen, in denen sich Goldkäufe als extrem lukrativ erwiesen. Zwischen 1976 und 1980 verfünffachte sich der Goldpreis, und in den vergangenen zehn Jahren legte er immerhin von 300 USD auf 1.200 USD zu. Deshalb ist eine Betrachtung der Faktoren die in der Vergangenheit zu einem Kursanstieg führten durchaus interessant. Grundsätzlich steigt Gold bei sinkendem Vertrauen in Papiergeld. Ganz allgemein tritt dies ein, wenn das Inflationsrisiko als hoch eingeschätzt wird oder das Bonitätsrisiko in die Höhe schnellt, d.h. wenn die Menschen an der Vertrauens- würdigkeit der Banken oder der Schuldendienstfähigkeit der Staaten zweifeln. Angesichts der gefährlich hohen Staatsverschuldung treffen im aktuellen Umfeld beide Szenarien zu. Gold ist die Währung der Angst,eine Art Fieberthermometer, das Auskunft über die Gesundheit des Finanz- und Geldsystems gibt. Der Goldmarkt ist sehr klein, deshalb sollte man stets vor Augen haben, dass sich bereits Investitionen einiger weniger Anleger auf die Preisentwicklung nieder- schlagen können. Das insgesamt für Anlagezwecke verfügbare Gold (d.h. ohne die Schmuckbranche, Industrieanwendungen, Währungsreserven der Zentralbanken) ent- spricht in etwa 0,5% des weltweiten Finanzvermögens. Bereits ein geringfügiger Anstieg der Goldnachfrage für Anlagezwecke entspricht einer Goldmenge, die zumindest kurzfristig durch die Minenproduktion oder durch Rückgewinnung aus existierendem Schmuck nicht beschafft werden kann. Wenn die Anleger den Goldanteil ihrer Portfolios um einen Prozentpunkt erhöhten, so das kanadische Research-Haus Bank Credit Analyst, würde dies vom aktuellen Niveau ausgehend bereits eine Verdreifachung des Goldpreises bewirken. Neben dem Inflations- und Bonitätsrisiko gibt es noch zwei weitere Faktoren, die den Goldpreis unterstützen. Auf der Nachfrageseite spielt das aufstrebende Asien eine wichtige Rolle, da Gold in dieser Region eine wesentlich höhere Bedeutung innehat als in der westlichen Welt. Indien vereinbarte im November 2009 den Kauf von 200 Tonnen IWF-Gold, und wenn China den aktuellen Anteil des Edelmetalls an seinen gesamten Reserven relativ betrachtet halten möchte, wird es weiterhin Gold kaufen müssen. Sollte das Land beschließen, den Anteil wieder auf das Niveau von vor zehn Jahren anzuheben (die chinesischen Reserven insgesamt sind in den vergangenen zehn Jahren derart schnell gewachsen, dass der relative Goldanteil gefallen ist), würde die Goldnach- frage drastisch in die Höhe schießen. Auch in anderen aufstrebenden Ländern scheinen die Notenbanken bereit zu sein, Gold mit dem Ziel einer Diversifizierung ihrer Reserven zum Marktpreis zu erwerben. Auf der Angebotsseite ergibt sich folgendes Bild: Die Fördermenge der Goldminen markierte 2001 bei 2.600 Tonnen ihren Höhepunkt und ist seither – insbesondere in den traditionellen Förderländern Australien, Kanada, Südafrika und den USA – rückläufig. Diese Abwärtsentwicklung lässt sich nicht ohne Weiteres umkehren. Peter Munk, der Gründer des kanadischen Goldkonzerns Barrick Gold, betonte kürzlich, dass die problematische Lage auf der Angebotsseite weitgehend verkannt wird: Während sich große Goldminen dem Ende ihres Lebenszyklus nähern, wird es gleichzeitig immer schwieriger und kostspieliger, neue Vorkommen zu finden. Da sich Gold nicht nach traditionellen Maßstäben bewerten lässt, ziehen Analysten häufig die langfristige Beziehung zwischen Gold und anderen Aktiva oder wirtschaft- lichen Parametern heran. Hierzu zählen: - Das Verhältnis zwischen Goldpreis und Aktienmarkt. Am Ende der letzten Gold-Hausse im Jahr 1980 betrug das Verhältnis Gold/Dow Jones Industrial-Index 1 (Goldpreis: 850 USD, DJII: 850). 1990 war der Wert auf 0,025 abgesunken (Gold: 290 USD, DJII: 11.500), und inzwischen ist er wieder auf 0,12 geklettert (Gold: 1.200 USD, DJII: 10.200). Einige Marktteilnehmer glauben, dass dieser Wert auf 1 zurückkehren könnte, zum Beispiel dadurch, dass die Aktienmärkte die Hälfte ihres Wertes einbüßen und der Goldpreis auf 5.000 USD je Feinunze ansteigt. Schließt man die Extreme allerdings aus, so entspricht das Verhältnis zwischen Gold und Börse derzeit in etwa dem langfristigen Mittel. - Das Verhältnis zwischen Gold und Öl. 1973 war die Feinunze Gold 42 Barrel Öl wert. Im Juli 2008 entsprach ihr Wert noch sechs Barrel Öl. Das aktuelle Verhältnis zwischen Gold und Öl kommt dem langfristigen Mittel sehr nahe. - Das Verhältnis zwischen Gold und der Wirtschaftsleistung (BIP). Der Marktwert des über Erde verfügbaren Golds im Verhältnis zum globalen BIP erreichte 1980 bei 25% seinen Höhepunkt. Nachdem diese Kennzahl 2002 unter 3% gefallen war, liegt sie mittlerweile wieder bei 8%. Auch hier gilt jedoch: Die Jahre 1980 und 2002 stellen Extreme dar. Vergleicht man beispielsweise den Goldpreis mit dem Pro-Kopf-Einkommen der G7-Staaten, entspricht dieses Einkommen zurzeit 40 Feinunzen Gold, in den vergangenen 40 Jahren hingegen im Schnitt 60 Feinunzen. Wenngleich Gold nominal betrachtet in jüngster Zeit neue Rekordstände vermeldete, so liegt es real (d.h. inflationsbereinigt) immer noch knapp 50% unter dem Hoch aus dem Jahr 1980. Eine Rückkehr zu diesem realen Höchststand impliziert einen nominalen Preis von 2.300 USD je Feinunze. Rohstoffe erreichen in der Regel neue Allzeithochs auf inflationsbereinigter Basis in Hausse-Märkten. Anleger, die ein Investment in Gold erwägen, sollten berücksichtigen, dass der Goldpreis mittlerweile stark vom Fortbestand des Anlegerinteresses abhängt. Eine der Eigenschaften, die für die Funktion dieses Edelmetalls als Wertaufbewahrungs- mittel entscheidend sind, seine Unzerstörbarkeit, macht auch seine Schwäche aus. Fast das gesamte jemals geförderte Gold befindet sich bis zum heutigen Tag im Umlauf. Anders ausgedrückt: Selbst wenn die Fördermenge weiterhin stagnieren oder sinken sollte, gibt es dennoch eine enorm große Goldmenge, die potenziell auf den Markt kommen kann. Dem World Gold Council (WGC) zufolge kamen zwischen 2007 und 2009 11.125 Tonnen neues Gold auf den Markt, darunter 6.402 Tonnen aus Minen (Förderung), 757 Tonnen wurden von Notenbanken verkauft und 3.966 Tonnen stammten aus der Rückgewinnung aus altem Schmuck, der zu neuen Gold- produkten verarbeitet wurde. Im gleichen Zeitraum wurden lediglich 7.646 Tonnen von der Schmuckbranche, für Industrieanwendungen und von der Dentalbranche gekauft. Der Rest entfiel auf Anlagezwecke. 40% der Gesamtnachfrage im Jahr 2009 stammte demzufolge aus dem Anlagebereich – gegenüber 5% im Jahr 2000. Die potenzielle Inkongruenz zwischen Angebot und Nachfrage wird weiter steigen, da die Nachfrage vonseiten der Schmuckbranche und der Industrie sehr preissensitiv und in Anbetracht der Aufwärtsentwicklung des Goldpreises rückläufig ist (zwischen 2007 und 2009 knickte die Nachfrage der Schmuckbranche um fast 30% und die der Industrie um 20% ein). Zudem könnten einige Länder einen Teil ihrer Goldbestände im Rahmen der Haushaltskonsolidierung auflösen. Allerdings wurde im August 2009 das Zentralbankgoldabkommen (CBGA) um fünf Jahre verlängert, demzufolge die Notenbanken der großen Industrieländer maximal 400 Tonnen Gold p.a. verkaufen dürfen. Daher ist diese Gefahr begrenzt. Mein Fazit: Ich glaube nicht, dass sich derzeit eine „Goldblase" bildet, wie dies (rückblickend) 1980 der Fall war. Damals schoss der Goldpreis innerhalb eines Monats 80% in die Höhe, stürzte dann ab und fiel in einen 20-jährigen Dornröschenschlaf. Auch wenn Gold in den zurückliegenden Jahren deutlich zugelegt hat, gab es regel- mäßig immer wieder Korrekturen um über 10%, und ein parabelförmiger Preisanstieg blieb aus. Dieser Verlauf spricht wesentlich mehr für einen Hausse-Markt als für eine Spekulationsblase. Ob man zu dem Schluss kommt, dass sich dieser Hausse-Markt seinem Ende nähert oder erst in einer frühen Phase befindet, hängt von der jeweiligen Sicht der Wirtschafts- und Finanzlage ab. Am Anfang dieser Ausführungen schrieb ich, dass der Wert des Goldes nur darauf beruht, dass andere es als wertvoll einstufen. Gleiches lässt sich von Papiergeld sagen. Angesichts der zunehmenden Anzahl von Menschen, die eine implizite (Inflation) oder explizite (Abwertung, Währungsreform) Entwertung des Papiergelds befürchten, wird die Integrität dieses Zahlungsmittels zurzeit in Frage gestellt. Liegt das Schlimmste der Krise hinter uns, so dürften diese Ängste nachlassen und das Anlegerinteresse am Gold wieder schwinden. Andernfalls wird der Goldpreis wohl weiter steigen.
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