22.12.2009
Interview mit dem scheidenden Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter: "Nicht quatschen, handeln"
Frankfurt (ots) - Neuer Lagerzyklus gestartet / Besserung der
Konjunktur 2010 / Vorkrisen-Niveau wird erst frühestens 2012 erreicht
/ Zu wenig Fortschritte bei der Bewältigung der Lehman-Pleite / Erst
Ende 2010 erste Zinsschritte erwartet / Weitere Schwächung des Dollar
Die extreme Zickzack-Bewegung der Konjunktur erklärt Norbert
Walter damit, dass es erstmals seit 30 Jahren wieder einen richtigen
Lagerzyklus gegeben habe. "Die Lager wurden leergefegt und sorgten
damit für eine ganz schwache Konjunktur. Aber wenn sie leer sind,
muss wieder geordert werden", sagt Walter, der Ende Dezember seinen
Posten als Chefvolkswirt der Deutschen Bank verlässt und in den
Ruhestand tritt, in einem Interview mit dem Anlegermagazin 'Börse
Online' (Heft 53/2009, EVT 23. Dezember 2009). Finanzpolitische
Stimulierungsmaßnahmen, die im Sommer wirksam wurden, seien
hinzugekommen.
2010 wird nach Ansicht des Ökonomen besser als 2009. Trotzdem
fürchtet er, dass das Wachstum mit einem oder zwei Prozent
enttäuschend bleiben werde, weil man von einem schwächeren Konsum
ausgehen müsse. Die deutsche Wirtschaft werde frühestens 2012 wieder
da sein, wo sie vor der Krise war. "Das heißt, wir sind drei Jahre
nicht vorangekommen, und das nach Jahren, in denen es ebenfalls nicht
so richtig vorwärts gegangen ist," sagt Walter.
Die Krise sei aber nicht der Grund für die skeptische Einstellung
der Deutschen gegenüber der Marktwirtschaft. "Wo das Wort
Gemütlichkeit einen so hohen Stellenwert hat, ist Marktwirtschaft
einfach nicht zuhause", konstatiert Walter. Um das Vertrauen in
dieses Wirtschaftssystem zu stärken, gelte es, dieses System, das die
besseren Antworten biete, immer wieder anzuwenden. Nach dem Motto:
"Nicht quatschen, handeln".
Eine Lehre aus der Finanzkrise sei, dass staatliche
Aufsichtsbehörden ihre Aufgabe ernst nehmen müssten. Sie müssten auch
begreifen, dass sie dort, wo sie wegen der Internationalität des
Geschäfts die Kontrolle im nationalen Rahmen nicht mehr ausüben
könnten, diese nur gemeinsam mit anderen Europäern oder sogar nur
transatlantisch leisten könnten.
Mit den Fortschritten seit der Lehman-Pleite ist Walter nicht
zufrieden: "Ich bin mit der allgemeinen Beschreibung der Problematik
zufrieden. Aber ich sehe weder institutionelle, noch instrumentelle
Fortschritte", so Walter gegenüber 'Börse Online'.
Zum Thema Exit-Strategien der Notenbanken meint der Volkswirt:
"Die Fed wird ihre Nullzinspolitik im nächsten Frühsommer beenden,
was international sicherlich das wichtigste Signal sein wird. Die
Europäische Zentralbank würde wahrscheinlich zeitgleich handeln, wenn
der Wechselkurs ungefähr da bliebe, wo er im Moment ist." Er glaubt
aber, dass der Dollar schwächer werde, weil Chinesen, Russen und
Araber ihn nicht mehr so richtig mögen. Deshalb rechnet Walter erst
für den Jahreswechsel 2010/11 mit der ersten Zinsanhebung durch die
EZB.
Originaltext: Börse Online, G+J Wirtschaftsmedien
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Quelle: news aktuell