30.07.2009
Börsen-Zeitung: Tanz auf dem Vulkan, Kommentar von Michael Flämig zur aktuellen Quartalssaison
Frankfurt (ots) - Die Quartalssaison läuft auf vollen Touren, sehr
zur Freude der Anleger. Denn ihre Stimmung hellt sich zunehmend auf.
Das offensichtliche Resultat ist der steile Anstieg der Aktien im
Deutschen Aktienindex (Dax). Er hat den höchsten Stand seit Oktober
vergangenen Jahres erreicht. Auch die mittelschweren Papiere im MDax
streben in höhere Indexregionen.
Die Investitionsbereitschaft kontrastiert in bemerkenswerter Weise
mit den Einschätzungen der Vorstandsvorsitzenden. Dort dominieren
Molltöne. Dies war auch bei den Berichten am gestrigen Donnerstag
hörbar. Der Siemens-Chef erwartet eine nachhaltige Belebung im Umfeld
erst für die zweite Hälfte nächsten Jahres. Die Lufthansa-Spitze
sieht ebenfalls keine Erholung. MAN stellt sich auf eine lange
Durststrecke ein. Der BASF-Vorstand warnt vor der Gefahr eines
erneuten schmerzhaften Rückschlags durch Überkapazitäten.
Sicher: Es gibt positivere Einschätzungen. VW zeigt sich verhalten
optimistisch, Conti hofft auf eine Belebung im vierten Quartal und
HeidelbergCement rechnet mit einem langsamen Aufschwung. Aber: Die
harten Daten sprechen eine andere Sprache. Die Industrie blickt in
ein tiefes Loch. Ein Beispiel illustriert dies. In den Monaten April
bis Juni erhielten zwei Unternehmen (Siemens und MAN) weniger
Aufträge in einer Größenordnung, die ein Dax-Unternehmen wie Merck
nicht einmal in einem ganzen Jahr erlöst. 8 Mrd. Euro haben sich in
Luft aufgelöst. Die Orders sind bei Siemens um mehr als ein Viertel
eingebrochen, bei MAN fast um die Hälfte. Dies sind historische
Werte.
Die Frage lautet: Schließt sich das Loch so schnell, wie es
aufgetaucht ist? Oder schauen die Unternehmen eher in den Schlot
eines explosiven Vulkans? Mit dem Instrument Kurzarbeit lässt sich
die Antwort vertagen. Doch die Budgetgespräche 2010 erfordern
Festschreibungen. Airlines diskutieren offen, ob die Nachfrage nach
margenstarken Business-Class-Tickets je wieder das Vor-Krisen-Level
erreicht. Konzerne wie Siemens können nicht dauerhaft einen
Gewinneinbruch um die Hälfte im volumenstärksten Sektor
durchschleppen.
Die Antwort sei gewagt: Umbauten werden vielerorten umfangreicher
ausfallen als bisher antizipiert und vor der Bundestagswahl
eingestanden. Dann entpuppt sich die aktuelle Ausgelassenheit der
Investoren als Tanz auf dem Vulkan.
(Börsen-Zeitung, 31.7.2009)
Originaltext: Börsen-Zeitung
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