ifo Konjunkturprognose 2009/2010: Abschwung setzt sich fort
Die Weltwirtschaft steckt in der tiefsten Rezession seit der großen Depression.
Seit diesem Frühjahr dürfte sich das Kontraktionstempo jedoch abgeschwächt haben.
Weltweit sind Programme zur Stützung der Konjunktur aufgelegt worden, zudem
zeigt die expansive Geldpolitik der Zentralbanken allmählich Wirkung. Auch sind
in zahlreichen Ländern Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzmärkte ergriffen
worden. Schließlich werden die Realeinkommen durch die starken Rohstoffpreis-
rückgänge gestützt. Das vom ifo Institut erhobene Weltwirtschaftsklima ist im
zweiten Quartal 2009 erstmals seit dem Herbst 2007 wieder gestiegen. Der Anstieg
des Indikators resultiert jedoch ausschließlich aus den günstigeren Erwartungen
für die nächsten sechs Monate; die Einschätzung der derzeitigen wirtschaftlichen
Lage hat sich demgegenüber noch weiter verschlechtert und fiel auf einen neuen
historischen Tiefstand.
Mit einer schnellen Erholung der Weltwirtschaft ist indes nicht zu rechen. Ein
Kernproblem bleibt die prekäre Eigenkapitalsituation des Bankensektors in den
USA und Europa. Sie resultiert daraus, dass Abschreibungen und Wertberichtigungen
speziell bei strukturierten Wertpapieren in einer die Banken existenziell
bedrohenden Größenordnung vorgenommen werden mussten. Zwar konnten nach der
Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 weitere Pleiten großer Finanz-
institute durch massive staatliche Interventionen verhindert werden. Jedoch
drohen zusätzliche Wertberichtigungen in erheblichem Umfang. Dabei dürfte
zunehmend auch der rezessionsbedingte Ausfall von Kreditforderungen eine Rolle
spielen. In wichtigen Ländern kommt eine Depression am Immobilienmarkt hinzu,
die ebenfalls den Abschreibungsbedarf der Banken erhöht. Die Banken werden
deshalb eine merkliche Verkürzung ihrer Bilanzen anstreben, um das extrem
angespannte Verhältnis ihres Eigenkapitals zur Bilanzsumme zu verbessern.
Dies wird die Kreditvergabe an Haushalte und nichtfinanzielle Unternehmen
insbesondere dann beeinträchtigen, wenn die derzeit rezessionsbedingt eher
niedrige Kreditnachfrage wieder zulegt. Daher ist damit zu rechnen, dass sich
die konjunkturellen Auftriebskräfte nur sehr zögerlich entfalten können und
der aktuelle Abschwung weitaus länger anhält als üblich.
Nach der vorliegenden Prognose wird sich die Rezession in den USA im
Sommerhalbjahr 2009 fortsetzen. Es ist zu erwarten, dass der Konsum der privaten
Haushalte trotz der umfangreichen Stützungsmaßnahmen seitens der Fiskalpolitik
rückläufig sein wird, auch weil sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verschlechtern
dürfte. Die Investitionen werden sich nur schrittweise stabilisieren. In Japan
dürfte sich die Konjunktur, nach ihrem kräftigen Einbruch zu Beginn des Jahres,
langsam erholen. Zwar wird die Binnennachfrage voraussichtlich sinken. Es ist
jedoch damit zu rechnen, dass der Außenhandel zumindest zaghafte Wachstumsimpulse
entfalten wird, insbesondere da sich die konjunkturelle Lage in einigen Ländern,
die bedeutende Handelpartner sind, etwas aufhellen dürfte. Für den Euroraum wird
prognostiziert, dass die Schwäche der Wirtschaft zunächst anhalten wird. So
dürften der Konsum der privaten Haushalte infolge der verschärften Situation am
Arbeitsmarkt zurückgehen und die Investitionen weiter absacken. Auch vom
Außenhandel ist kein stimulierender Beitrag zum Wirtschaftswachstum zu erwarten.
Die wirtschaftliche Expansion in den Schwellenländern dürfte sich im Prognose-
zeitraum allmählich beleben. In China wird die Konjunktur von dem Impuls des
milliardenschweren Konjunkturpakets profitieren; allerdings sind die Erwartungen
bezüglich einer baldigen Rückkehr zu alten Boomzeiten gedämpft, da die Ausfuhr-
wirtschaft, die eine wichtige Säule des vorangegangenen Aufschwungs darstellte,
auch weiterhin unter der globalen Wirtschaftsschwäche leiden dürfte. In Indien
wird die Konjunktur infolge der soliden Expansion der Binnennachfrage wohl
vergleichsweise kräftig bleiben. Dagegen wird sie sich in den übrigen Ländern
Ostasiens, nach einem vorübergehenden Schrumpfen, voraussichtlich nur schrittweise
stabilisieren. In Lateinamerika werden die stimulierenden Effekte der teilweise
umfangreichen expansiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen die konjunkturelle
Erholung unterstützen. Auch dürften wichtige Länder der Region zunehmend von der
jüngst einsetzenden Erhöhung der Rohstoffpreise profitieren.
Insgesamt wird erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt der Welt im Jahr 2009 um
1,8 % sinkt, ehe es sich im Jahr 2010 um 2 % erhöht. Diese Prognose bezieht sich
auf die vom Internationalen Währungsfond (IMF) berücksichtigten Länder, deren
Zuwachsraten mit Hilfe der Kaufkraftparitäten des Jahres 2008 gewichtet wurden.
Der Anstieg der Preise wird sich weltweit zunächst stark abflachen. Die Arbeits-
losigkeit dürfte infolge der konjunkturellen Schwäche weiter deutlich zunehmen.
Die Prognose stützt sich auf die Annahme, dass der Preis für Rohöl der Sorte Brent
im Prognosezeitraum um die 70 US-Dollar je Barrel schwankt und dass sich der
Wechselkurs des Euro bei etwa 1,40 US-Dollar stabilisiert. Unter diesen Rahmenbe-
dingungen wird der Welthandel zunächst weiter rückläufig sein, ehe er sich allmählich
wieder erhöht. Er dürfte im Jahr 2009 um 14 % fallen und im Jahr 2010 um 3 % steigen.
Die deutsche Wirtschaft befindet sich in der schwersten Rezession seit Bestehen
der Bundesrepublik. Nach den bisher vorliegenden amtlichen Ergebnissen sank die
gesamtwirtschaftliche Produktion im ersten Quartal 2009 saison- und kalenderbereinigt
gegenüber dem Jahresendquartal um 3,8 %, bereits im vierten Quartal 2008 war die
Wirtschaftsleistung um 2,2 % geschrumpft. Deutschland verzeichnet damit von allen
großen europäischen Volkswirtschaften den schärfsten Wachstumseinbruch. Auch im
historischen Rückblick ist er ohne Beispiel. Maßgeblich für die katastrophale
Wirtschaftsentwicklung seit vergangenem Herbst ist der weltweit synchrone
Nachfrageeinbruch nach Investitions- und langlebigen Konsumgütern, der sich im
Gefolge der internationalen Finanz- und Vertrauenskrise eingestellt hat. Die deutsche
Wirtschaft ist von diesem externen Nachfrageschock aufgrund der hohen Außenhandels-
abhängigkeit und der Spezialisierung auf besonders konjunkturreagible Industrieer-
zeugnisse überdurchschnittlich betroffen.
Die gesamtwirtschaftliche Produktion dürfte nach ihrem drastischen Rückgang im
Winterhalbjahr 2008/09 auch im zweiten Quartal gesunken sein, jedoch mit deutlich
verringertem Tempo (laufende Rate: -0,7 %). Für den Beginn einer allmählichen
Stabilisierung spricht die aktuelle Entwicklung einer Reihe von gewichtigen
Konjunkturindikatoren wie Produktion und Auftragseingang sowie das ifo Geschäftsklima.
Zum Rückgang der Wirtschaftsleistung tragen vor allem die Industrie und der Sektor
Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleistungen bei. Für das erste
Halbjahr 2009 ergibt sich im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2008 saison und kalender-
bereinigt eine Schrumpfung des realen Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 5,2 %; im
Vorjahresvergleich beläuft sich die Abnahme auf 7,5 %.
Im weiteren Prognosezeitraum wird sich der Abschwung fortsetzen. Die gesamtwirt-
schaftliche Produktion dürfte, nach einem vorübergehenden, primär durch fiskalische
Impulse getriebenen Anstieg im Sommer, der Grundtendenz nach weiter sinken. Zwar
werden vom Außenbeitrag voraussichtlich keine dämpfenden Effekte mehr ausgehen,
jedoch setzt sich der Rückgang bei den Investitionen in Ausrüstungen und Bauten
fort. Auch ist der Lagerabbau noch nicht abgeschlossen. Zudem wird der private
Konsum ab den Herbstmonaten bei deutlich abnehmender Beschäftigung und stark
steigender Arbeitslosigkeit sinken. Erst im Frühjahr 2010 ist mit einer Bodenbildung
bei Produktion und Nachfrage zu rechnen. Danach wird die reale Wirtschaftsleistung
wahrscheinlich wieder etwas zunehmen. Bei sich allmählich bessernder Weltkonjunktur
ziehen die Exporte dann leicht an; auch die Ausrüstungsinvestitionen dürften sich
moderat erholen. Gegen Ende 2010 kann zudem mit Vorzieheffekten aufgrund der Rück-
führung der degressiven Abschreibung gerechnet werden. Bei den Bauinvestitionen
werden die Konjunkturpakete voraussichtlich wirken. Alles in allem dürfte die kon-
junkturelle Dynamik aufgrund der Schwäche des privaten Konsums jedoch recht niedrig
bleiben, so dass der gesamtwirtschaftliche Auslastungsgrad bis zuletzt weiter abnimmt.
Im Jahresdurchschnitt 2009 dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion dem
Ursprungswert nach wie auch kalenderbereinigt um 6,3 % sinken. Im Jahr 2010
ergibt sich aufgrund des niedrigen Ausgangsniveaus ein Rückgang um 0,3 %
(kalenderbereinigt: 0,4 %).
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Die Rezession wird sich auf dem Arbeitsmarkt ab den Sommermonaten 2009 verstärkt bemerkbar machen. Der Aufbau von Kurzarbeit wird zum Stillstand kommen, und die Arbeitslosenzahlen werden beschleunigt zunehmen. Im Durchschnitt dieses Jahres dürfte die Erwerbstätigenzahl um 460 000 sinken, im nächsten Jahr sogar um 1,05 Mill. Die Zahl der Arbeitslosen wird im Jahr 2009 durchschnittlich um 320 000 und im Jahr 2010 um 760 000 steigen. Bei alledem wird das Verbraucherpreisniveau wahrscheinlich nahezu stabil bleiben. Im laufenden Jahr ist mit einer Inflationsrate um 0,2 % zu rechnen; im Jahresdurchschnitt 2010 dürfte die Rate mit 0,4 % nur wenig höher sein. Es ist zu erwarten, dass das staatliche Budgetdefizit im Prognosezeitraum außerordentlich stark ansteigen wird. Im Jahr 2009 wird sich das Defizit in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich auf 3,4 % belaufen, im Jahr 2010 sogar auf 6,0 %. Ursächlich hierfür ist die konjunkturelle Entwicklung, die zu enormen Minder- einnahmen und Mehrausgaben führt, aber es gibt auch starke diskretionäre Impulse, die im Zusammenhang mit den Maßnahmenpaketen der Bundesregierung stehen. Pressekontakt: Stefan Schott Telefon: +49(0)89/9224-1218 Fax: +49(0)89/9224-1267 E-Mail: schott@ifo.de
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