28.09.2007
Regulierung in der Marktwirtschaft– ein ewiges Spannungsfeld
Köln, den 28.09.2007 (Investmentfonds.de) - Prof. Dr. Manfred Weber
Geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes deutscher Banken
Veranstaltung „Economic Freedom“der PASS Consulting Group, Alte Oper, Frankfurt am Main
1. Einführung: Regulierung – ein Dauerthema von besonderer Aktualität für die Finanz-
wirtschaft
Manchmal fügen sich die Dinge so, dass etwas Geplantes zu einer besonderen, so nicht
vorhersehbaren Herausforderung wird. Als ich vor einiger Zeit zusagte, heute zum
Thema „Regulierung in der Marktwirtschaft“ zu Ihnen zu sprechen, war zwar klar, dass ein
Banker viel Erfahrung mit diesem Spannungsfeld hat – ganz einfach deshalb, weil die Finanzwirtschaft eine der am höchsten regulierten Branchen ist – in Deutschland, aber
nicht nur in Deutschland.
Wer die Zeitungen der letzten Wochen und Monate verfolgt hat, dem kann aber nicht ver-
borgen geblieben sein: Regulierung in der Marktwirtschaft – das ist für die Finanzbranche
nicht nur ein ganz besonderes Spannungsfeld. Es ist auch eines, das aktueller gar nicht
sein könnte.
Die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten und die Frage, welche Schlüsse daraus zu
ziehen sind, Hedge-Fonds und Private Equity, Staatsfonds und Schutz deutscher Unternehmen
oder gar Branchen, internationale Krisenprävention und die Zukunft der Bankenaufsicht,
über dies und manches mehr wird ja zur Zeit sehr munter diskutiert. Wobei ich gleich
hinzufügen möchte: Ich würde mir wünschen, die Debatte wäre genauso konstruktiv, wie
sie hitzig ist.
Dass Sie heute einen Banker eingeladen haben, ist – so gesehen – vielleicht keine schlechte
Voraussetzung für diese Veranstaltung. Es macht das Thema aber zu einer besonderen, durch-
aus auch reizvollen Herausforderung, wie gesagt, und es steigert die Erwartungen. Ich
will also tun, was ich kann.
2. Warum Regulierung in der Marktwirtschaft?
Wozu dient Regulierung? Warum greift der Staat in das Wirtschaftsgeschehen ein? Und
worin besteht das Spannungsfeld zu den freien Kräften des Marktes? Ein Spannungsfeld,
das ja seit Generationen ganze Lehrbücher der Volkswirtschaftslehre, Aufsätze, Leitartikel
und Reden füllt. Für Regulierung werden verschiedene Gründe ins Feld geführt.
Erster Fall: Der Staat reguliert, damit der Markt besser funktioniert. Zu diesem Zweck
setzt er zum Beispiel technische oder wirtschaftliche Normen, damit Produkte kompatibel
oder substituierbar werden und die Vorteile größerer Märkte zum Tragen kommen können.
Was auf dem Markt für Elektrogeräte der genormte Netzstecker ist, sind auf den europä-
ischen Finanzmärkten etwa einheitliche Datenformate für grenzüberschreitende Über-
weisungen oder Vorgaben dafür, wie der Effektivzins eines Kredits zu berechnen ist.
Zweiter Fall: Der Staat reguliert, damit der Markt überhaupt funktioniert. Das klassi-
sche Beispiel sind natürliche Monopole, etwa Bahn, Strom und Gas.
Dritter Fall: Der Staat reguliert, um einzelne Marktteilnehmer vor Risiken zu schützen:
zum Beispiel den Arbeitnehmer durch den Kündigungsschutz oder den Kunden durch eine
Vielzahl von Verbraucherschutzvorschriften.
Vierter Fall: Der Staat reguliert, um die Gesamtwirtschaft vor Risiken zu schützen. Die
Debatte über Investitionen ausländischer Staatsfonds in Deutschland ist hier ein
aktuelles Beispiel.
Fünfter und letzter Fall: Der Staat reguliert, um Einkommen umzuverteilen. Der Aufwand,
den er dazu treibt, ist gewaltig – Sozialversicherungen, Einkommensteuer und vieles
mehr fallen in diese Kategorie.
Schon die genannten Beispiele zeigen, dass Regulierung ihren Preis hat: Produktnormung
kann Innovation behindern. Netzmonopole – auch und gerade staatliche – zementieren
Marktmacht, solange nicht innerhalb der Netze Wettbewerb herrscht. Das sicherzustellen
ist jedoch keine leichte Aufgabe, wie wir wissen. Ich erwähne nur das Stichwort
„Privatisierung der Bahn und des Streckennetzes“.
Kündigungsschutz mag jene, die einen Job haben, zunächst schützen. Anderen, die keinen
haben, nimmt er tendenziell ihre Chancen am Arbeitsmarkt. Umverteilung geht nicht selten
mit Fehlanreizen einher – einer der Gründe, warum die „Agenda 2010“ notwendig wurde.
Und schließlich: Der Wunsch, die eigene Volkswirtschaft zu schützen, endet schnell im
Protektionismus, der unter dem Strich Wachstum und Arbeitsplätze kostet.
Regulierung kann im Extremfall fatale Konsequenzen haben. Horst Siebert, ehemaliger
Wirtschaftsweiser und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hat uns dies mit dem „Kobra-Effekt“ sehr schön vor Augen geführt. Vielleicht kennen Sie die Geschichte:
In Indien wollte einst ein britischer Gouverneur einer Kobra-Plage Einhalt gebieten und
setzte ein Kopfgeld auf jede erlegte Schlange aus. Zuerst funktionierte das: Immer mehr
Kobras wurden abgeliefert. Aber Sie können sich denken, was passierte: Kobra-Zucht wurde
zum Volkssport – sie brachte ja Geld vom Staat ein: die Kobra-Prämie. Als man die fatale
Wirkung erkannte und die Prämie wieder abschaffte, ließen die Züchter die Tiere frei –
sie waren ja nutzlos –, und die Zahl der Kobras vervielfachte sich. Die Regulierung
ging – wegen einer völlig falschen Anreizstruktur – nicht nur ins Leere. Nein, schlimmer
noch: Sie hatte hochgradig Schaden angerichtet.
Leider gilt für Regulierung in der Marktwirtschaft nur allzu oft: „Gut“ ist das Gegenteil
von „gut gemeint“. So ist die Reformdebatte, die wir in Deutschland seit Jahren führen,
in weiten Teilen eine Debatte über Fehl- oder Überregulierung. Das kommt nicht von
ungefähr, denn Deutschland ist hoch reguliert.
Den vollständigen Artikel können sie unter
http://www.bankenverband.de/channel/101417/art/2177/index.html nachlesen
Quelle: Investmentfonds.de