16.08.2007
Börsen-Zeitung: Die Nagelprobe, Kommentar zur Liquiditätskrise des US-Hypothekenanbieters Countrywide von Bernd Neubacher
Frankfurt (ots) - Der US-Hypothekenbranche steht die Nagelprobe
bevor, nachdem bekannt geworden ist, dass Countrywide Financial um
ihrer Liquidität willen auf einen Bankkredit über 12 Mrd. Dollar
zurückgreifen muss. Denn sollte der nach Volumen größte
US-Hypothekenanbieter die Segel streichen, weil ihm der Markt für
kurzfristige Schuldverschreibungen versperrt bleibt, brauchen sich
Anleger auch um das Überleben vieler kleiner Adressen keine Gedanken
mehr zu machen.
Sicher sehen die Ratingagenturen nicht gut aus, wenn sie einer
Gesellschaft, für die es längst ums nackte Überleben geht, bis
zuletzt Bonitätsnoten im Single-A-Bereich zuerkennen, nur um sie
jetzt hastig tief ins B-Segment zu schicken. Es gab aber gute Gründe,
dem Institut gute Zahlungsfähigkeit zu unterstellen. Mit bloßen
Kreditvertrieben wie der im April havarierten New Century, die
jahrelang wie nichts Gutes aus dem Boden schossen, haben die
Kalifornier wenig gemein. Sie haben ihr Standbein auch eher im
Segment der Schuldner besserer Bonität statt im Subprime-Sektor. Per
Ende Juli hatten die Zahlungsrückstände binnen Jahresfrist zwar von
3,61 auf 4,89% des Forderungsvolumens angezogen. Dank der
konzerneigenen Bank aber verfügt Countrywide auch über ein
Einlagevolumen von gut 60 Mrd. Dollar.
Momentan hilft dies wenig: Für US-Hypothekenbanken ist der
kurzfristige Fremdkapitalmarkt fürs Erste geschlossen, Countrywide
muss laut Analysten über kurz oder lang 17 Mrd. Dollar an Commercial
Papers und unbesicherten Kreditlinien refinanzieren, und wie man seit
John Maynard Keynes weiß, können die Finanzmärkte länger irrational
sein, als man solvent ist. Länger als ein paar Monate dürfte die
Gesellschaft dies nicht aushalten. Verweigern ihr die Anleger auf
Dauer Kredit, würde die vom Subprime-Debakel provozierte Kreditkrise
ein Opfer mit einer Bilanzsumme von immerhin 200 Mrd. Dollar fordern,
und das würde nicht nur am Kapitalmarkt, sondern auch in der
Notenbank und bei den Regulierern nachwirken.
Noch ist es nicht so weit, und vielleicht findet sich ja bald ein
Marktteilnehmer, der sich zwar nicht für die Schuldverschreibungen,
wohl aber für deren Emittenten interessiert. Angesichts eines
Aktienkurses, der knapp 30% unter dem Buchwert liegt, wäre dies
zweifelsohne ein günstiger Kauf - falls der Kreditmarkt zur Ruhe
kommt.
Originaltext: Börsen-Zeitung
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