04.05.2007
Templeton Türkei: Politische Krise überschattet...
Köln, den 04.05.2007 (Investmentfonds.de) -
Nach monatelanger Ungewissheit kürte in der Türkei
die regierende Partei für Gerechtigkeit und
Entwicklung (AKP) Außenminister Abdullah Gül zum
Präsidentschaftskandidaten. Dass stattdessen nicht
Premierminister Recep Tayyip Erdogan ernannt
worden war, löste weithin Erleichterung aus. Unter
normalen Umständen hätte die Mehrheit der AKP im
Parlament Güls Wahl – wenn auch vielleicht erst nach
mehreren Wahlgängen – am Ende gesichert. Gül hat
sich den „säkularen Prinzipien” des Landes
verpflichtet. Als einer der maßgeblich an der
Steuerung der Beitrittsbemühungen seines Landes zur
Europäischen Union (EU) Beteiligten sagte er, dass
die Türkei sich weiter engagiert für die Umsetzung
wichtiger Reformen einsetzen werde, die den
Standard der Wirtschaft an die EU anpassen sollen –
ungeachtet einer eventuellen Aufnahme in diesen
Block.
Trotz Güls Versicherungen und der Bilanz der AKP
nach fünf Regierungsjahren brachen die türkischen
Finanzmärkte drastisch ein, weil Investoren Aktien,
Anleihen und die Lira abstießen, nachdem das Militär
gedroht hatte, den Präsidentschaftskandidaten der
Regierung zu verhindern. Opposition und Militär waren
von Güls Nominierung gleichermaßen überrascht.
Man hatte sie in dem Glauben gelassen, dass die AKP
anstelle Güls zwei andere, eher konsensfähige
Kandidaten nominieren würde. Gül hat in der Türkei
einen Hintergrund als islamischer Politiker. Anfang der
1990er Jahre hatte er für die islamisch orientierte
Refah-Partei dem Parlament angehört und war
politischer Ziehsohn Necmettin Erbakans, der 1997
vom Militär in einem „sanften Putsch” aus dem
Präsidentenamt gedrängt wurde. Gül und Erdogan
haben sich jedoch immer mehr von Erbakan
distanziert, wie die Gründung der AKP im Jahr 2001
verdeutlicht.
Am 1. Mai erklärte das Verfassungsgericht die erste
Abstimmungsrunde im Parlament über die Wahl von
Gül zum Präsidenten mit der Begründung für ungültig,
dass die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit nicht
vorgelegen habe. Infolgedessen möchte
Premierminister Erdogan nun die für November dieses
Jahres anberaumten Parlamentswahlen vorziehen.
Darüber hinaus will Erdogan im Falle seiner
Wiederwahl auch tiefgreifende
Verfassungsänderungen durchsetzen.
Die Zuspitzung der politischen Krise löste auf den
türkischen Aktienmärkten am 30. April und 1. Mai
einen Kurssturz um 10% aus. Ausländische
Investoren zogen viel Kapital aus dem Land ab. Die
kurzfristige Reaktion der Finanzmärkte, vor allem der
Kursrutsch der Aktien, wurde verursacht durch die
Angst vor einem Anstieg der Realzinsen infolge der
zunehmenden politischen Spannungen in der Türkei.
Die Entwicklungen gehen weiter und wir werden sie
aufmerksam verfolgen – vor allem, weil die Türkei
(nach Russland) das im Templeton Eastern Europe
Fund* am zweitstärksten gewichtete Land ist. Ende
März war der Templeton Eastern Europe Fund* mit
über 23% seines Fondsvermögens in der Türkei
investiert und damit deutlich höher als der MSCI EM
Europe Index, in dem das Land mit 10% gewichtet ist.
Unser verstärktes Interesse an der Türkei war darauf
zurückzuführen, dass unter türkischen Aktien viele
Schnäppchen zu finden waren. Die Kapitalrentabilität
ist hoch, die Bewertungen niedrig und die türkische
Wirtschaft nähert sich – ungeachtet aller Wechselfälle
der Politik – immer enger an die Europäische Union
(EU) an. Die türkischen Probleme bei der Akzeptanz
ihres Beitrittsgesuchs zur EU werden überbewertet. In
Wirklichkeit sind die Reformen, die eingeleitet wurden,
um europäische Standards zu erfüllen, aus
wirtschaftlicher Sicht unter Umständen bedeutsamer
als der EU-Beitritt selbst.
Die Türkische Lira ist gegenüber dem US-Dollar schon
seit Längerem überbewertet. Aus diesem Grund war
die Türkei Ziel von „Carry-Trades“ (bei denen
ausländische Investoren zu niedrigen Zinsen Yen oder
Euro aufnehmen, um sie in höher rentierliche türkische
Anlagen zu investieren). Das treibt den Wechselkurs
natürlich nach oben. Doch solche spekulativen
Engagements werden auch rasch wieder
zurückgefahren, was den Einbruch der Türkischen Lira
am 30. April und 1. Mai erklärt. Gleichzeitig sind die
nominalen Zinsen in der Türkei sehr hoch, um den
hohen Inflationsraten zu begegnen. Bis zu den
Ereignissen der letzten Tage bestand die Hoffnung,
dass die Zentralbank angesichts rückläufiger Inflation
vielleicht nach den für November angesetzten Wahlen
von ihrer aggressiven Politik abgehen würde.
Angesichts der neuesten politischen Krise ist das
wieder zweifelhafter geworden.
Preiswerte türkische Aktien
Während sich die mit unseren Anlageentscheidungen
verbundenen politischen Risiken nicht wegdiskutieren
lassen, sind türkische Aktien dennoch preiswert und
legen beachtliches Wachstum an den Tag. Auch die
Managementteams vieler türkischer Unternehmen
sind ausgezeichnet. Die Bevölkerung der Türkei ist
jung und gut ausgebildet und die Arbeitsproduktivität
nimmt zu. Der IWF rechnet mit einer Verlangsamung
des Wachstums von 5,2% im Jahr 2006 auf 4,5% in
diesem Jahr. Der Inlandskonsum nimmt – ausgehend
von einem verhältnismäßig niedrigen Niveau – zu,
während die Löhne steigen und die die Konjunktur den
allgemeinen Wohlstand im Land steigert. Das alles hat
zur Herausbildung einer breiteren Mittelschicht
geführt, die künftig das Rückgrat der türkischen
Wirtschaft darstellen könnte.
In Bezug auf die Bewertung gehört der türkische Markt
derzeit zu den billigsten Schwellenländern der Welt.
Ende letzten Jahres sahen wir uns durch die
Bewertungsanalysen veranlasst, unser Engagement
im türkischen Bankensektor zu erhöhen, dessen
Aktien zunehmend reizvoll wirkten. Türkische Banken
vergeben trotz hoher Zinsen auch weiterhin immer
mehr Kredite, was ihnen steigende Gewinne beschert.
Am 31. März 2007 gehörten zu den größten Top-
Positionen im Templeton Eastern Europe Fund* drei
türkische Bankwerte – Akbank, Turkiye Vakiflar und
Isbank. Auch der Templeton Emerging Markets Fund*
ist in türkischen Aktien deutlich übergewichtet. Neben
Banken sind wir in der Türkei auch in
konsumabhängigen Titeln und integrierten
Erdölunternehmen engagiert.
Abgesehen von einer Verschärfung der politischen
Situation bestehen die größten Risiken für die Türkei
in einer Abkehr vom wirtschaftlichen Reformprozess
und in einer Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits.
Ferner muss die Türkei Anreize für ausländische
Direktinvestitionen schaffen und weiter an den
Voraussetzungen für eine Verbesserung ihrer
Wettbewerbsfähigkeit arbeiten.
Quelle: Investmentfonds.de