29.01.2007
Fidelity: Managerwechsel beim Europ. Growth Fund
Köln, den 29.01.2007 (Investmentfonds.de) - Am 1. Januar 2007 hat Alexander Scurlock
das Management des größten europäischen Fonds, den Fidelity Funds - European Growth
Fund, übernommen.
Er wird das Portfolio – wie schon sein Vorgänger Graham Clapp – nach dem bewährten
Prinzip der gezielten Einzeltitelauswahl zusammenstellen. Dabei wird das Research-Team
von Fidelity beim Aufspüren attraktiver Anlagegelegenheiten eine zentrale Rolle spielen.
Im nachfolgenden Interview erläutert Alexander Scurlock, wie er den größten europäischen
Fonds managt.
Wie würden Sie Ihre Investmentphilosophie und Ihren Anlagestil beschreiben?
„Ich bin zuallererst ein klassischer Stockpicker. Viele sehen in mir den Spezialisten
für Large-Caps, weil ich den Fidelity Funds - Euro Blue Chip Fund gemanagt habe. In
Wahrheit jedoch durchkämme ich den gesamten Markt auf der Suche nach den besten
Anlagechancen. Dabei spielt die Unternehmensgröße keine besondere Rolle. In den acht
Jahren, in denen ich europäische Aktienfonds für Fidelity gemanagt habe, waren in meinen
Fonds immer auch Titel kleiner und mittlerer Unternehmen enthalten. Das gilt für den
Fidelity Euro Blue Chip Fund, aber auch für einige andere Fonds, die ich gemanagt habe.
Große Bedeutung hat dabei für mich der globale Researchprozess von Fidelity. Die
fundamentale Unternehmensanalyse ist aus meiner Sicht Dreh- und Angelpunkt bei der
Titelauswahl.“
Der Fidelity European Growth Fund wurde unter der Leitung Ihres Vorgängers oft
als "Value"-Fonds bezeichnet. Wird diese Ausrichtung auch mit Ihnen als Fondsmanager
der Fall sein?
„Graham Clapp wurde zwar oftmals als "Value"-Investor charakterisiert, aber er hat
durchaus auch in "Growth"-Titel investiert. Ich habe die Fonds, die ich bisher gemanagt
habe, noch nie nach Stilen wie "Growth" oder "Value" ausgerichtet. Das sind für mich
zwei Seiten der gleichen Medaille. Bei meinem Research wende ich Bewertungstechniken
an, die sich auf beide Stile beziehen, und meine Portfolios stellen meist eine Mischung
dar. Das sehe ich für den Fidelity European Growth Fund genauso.“
Welche Unterschiede gibt es zwischen Ihnen und Graham Clapp?
„Mein Ansatz ist dem von Graham Clapp im Großen und Ganzen sehr ähnlich. Research und
Stockpicking stehen für uns beide im Mittelpunkt. Es gibt aber auch Aspekte in meiner
Investmentphilosophie, die seinen Ansatz ergänzen werden. Wenn ich beispielsweise
versuche, die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu beurteilen,
gehe ich mit globaler Perspektive an die Sache heran. D.h. ich analysiere auch Wettbe-
werber, Zulieferer und Vertriebspartner der jeweiligen Unternehmen und sogar Firmen,
die in alternativen Technologien involviert sind und die demzufolge zu Konkurrenten
werden könnten. In diesem Zusammenhang arbeite ich eng mit unseren weltweiten Analysten
zusammen, d.h. über Europa hinaus spielt für mich das globale Team eine sehr wichtige
Rolle.
Ich überwache auch sehr genau die Gesamtzusammensetzung des Portfolios, die aus der
"Bottom-up"-Auswahl resultiert. Dabei sehe ich mir an, in welchem Verhältnis einzelne
Aktien zu den makroökonomischen Trends stehen. So überprüfe ich, ob diese Trends mit
meinen Einschätzungen über die betreffenden Titel im Einklang stehen, und verstärke
meine Überzeugung, die aus der „Bottom-up“-Analyse resultiert.“
Sie erwähnten makroökonomische Trends. Worum geht es hier genau?
„Nachdem ich das Portfolio Titel für Titel zusammengestellt habe, mache ich einen
"Realitäts-Check", indem ich das Ganze noch einmal aus der Makro-Perspektive betrachte.
Die Frage, die ich mir dabei stelle, lautet: Wie beeinflussen makroökonomischen Trends
– also etwa die Entwicklung der Zinsen oder des Wirtschaftswachstums – meine Titelauswahl?
Würde ich immer noch investieren, wenn meine Makro-Einschätzung zutrifft?
Beispielsweise habe ich beim Fidelity Euro Blue Chip Fund einmal eine Position in Anglo
Irish Bank aufgebaut. Der Markt hatte nicht erkannt, dass das überdurchschnittliche
Wachstum des Unternehmens länger andauern würde als vorhergesagt. Die Prognosen für das
irische Wirtschaftswachstum, das einer der Haupttreiber für das Ertragswachstum der Bank
darstellt, waren immer wieder angehoben worden. Das Wachstum stellte sich wie prognosti-
ziert ein und der Kurs der Anglo Irish Bank stieg entsprechend. Somit bestätigte die
"Top-down"-Betrachtung das "Bottom-up"-Argument.“
Wo speziell sehen Sie die Herausforderung beim Management eines so großen Fonds?
“Eines möchte ich an dieser Stelle gerne betonen, wenn wir über die Größe des Fonds
sprechen. Der Fonds macht mit seinem Volumen nur 0,25 Prozent der gesamten Marktkapita-
lisierung* seines Anlageuniversums aus. Ich betrachte damit die Größe nicht als kritisch
oder einschränkend für das Management des Fonds.
Nun zu Ihrer Frage. Die generelle Größe des Fonds z.B. im Vergleich zum Fidelity Funds
- Euro Blue Chip Fund, den ich vorher gemanagt habe, beeinflusst für mich persönlich in
keiner Weise die Art, wie ich das Portfolio manage. D.h. ich kann auch einen so großen
Fonds nach demselben Investment-Ansatz wie einen kleineren managen.
Letztlich ist der größte Unterschied, dass beim Kauf oder Verkauf eines Titels aufgrund
des höheren Volumens sensibler vorgegangen werden muss, um den Preis am Markt nicht zu
beeinflussen.“
Wie flexibel sind Sie mit einem so großen Fonds, sollten Sie doch wieder stärker in
kleinere Unternehmen investieren wollen?
„Bei der Suche nach aussichtsreichen Unternehmen schaue ich mir generell immer den
gesamten Markt an. D.h., obwohl ich zurzeit meinen Fokus auf Großunternehmen lege,
durchkämme ich immer wieder alle Marktkapitalisierungssegmente. Dort, wo ich attraktive
Bewertungen und potenzialstarke Unternehmen ausmache, investiere ich dann. Sollten sich
wieder verstärkt Chancen im Bereich kleinerer Unternehmen auftun, werde ich diese
nutzen.“
Wie, denken Sie, werden sich die zusätzlichen Research-Kapazitäten auf den Fonds
auswirken?
„In den letzten 18 Monaten haben wir unsere europäischen Research-Kapazitäten erheblich
ausgebaut. Über 30 Analysten wurden zusätzlich eingestellt. Damit ist unser fast 90-
köpfiges Analysten-Team eines der größten Research-Teams in Europa. Durch die höhere
Anzahl an Analysten kann das Team nun insgesamt mehr Unternehmen abdecken. Außerdem
verringert sich die Anzahl der Unternehmen, die ein einzelner Analyst abdeckt von 49
auf 32 Titel. Damit haben die Analysten mehr Zeit, ein Unternehmen unter die Lupe zu
nehmen, aber insbesondere auch, um neue Ideen zu finden.
Daraus wird auch eine größere Zahl von Anlageideen für den Fonds resultieren, also ein
Anstieg der in Frage kommenden Titel. Insgesamt erhöht sich mit dem größeren Analysten-
Team die Breite, aber auch die Tiefe unseres Research. Das ist für mich und meine Arbeit
überaus positiv, da das Research eine bedeutende Grundlage meines Investment-
Prozesses darstellt.“
Wie sieht denn eine typische Arbeitswoche bei Ihnen aus, insbesondere da Sie in
London und Genf leben?
„Generell teile ich mir die Zeit zwischen beiden Büros, d.h. London und Genf, auf.
Außerdem reise ich viel, um mich mit Unternehmen in ganz Europa zu treffen. Ebenso nehme
ich an vielen Telefonkonferenzen teil, z.B. mit Brokern, um auch externe Informationen
zu erhalten, die meine Überzeugung von einem Unternehmen dann entweder verstärken oder
abschwächen. In einer typischen Arbeitswoche spreche ich mit ungefähr 15 Unternehmen.
Dabei verbringe ich rund die Hälfte meiner Zeit vermutlich mit Firmen, in die ich im
Endeffekt gar nicht investiere. Ich spreche auch mit Zulieferern, Kunden und Wettbewerbern.
Das ist überaus wichtig, um das wahre Potenzial eines Unternehmens zu erkennen. So
gewinne ich wichtige Erkenntnisse über diejenigen Unternehmen, die ich dann letztendlich
kaufe.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner täglichen Arbeit ist die enge Zusammenarbeit
mit unseren Analysten in London und den Teams weltweit. Dabei stehen mir in Genf die
gleichen Systeme zur Verfügung wie in London, so dass ich mich auch von dort mit den
Analysten jederzeit austauschen kann.
In London nehme ich außerdem an den wöchentlichen Branchen-Meetings unserer Analysten
teil. Das gibt mir die Möglichkeit, interessante Unternehmen und Empfehlungen mit den
Teams zu diskutieren und ich bekomme die neuesten Entwicklungen in den Branchen laufend
mit. Das ist wichtig, um die Dynamik einer Branche zu verstehen und genau einschätzen
zu können.
Als weiteren regelmäßigen und sehr wichtigen Bestandteil meiner Arbeit sehe ich die
wöchentlichen Treffen mit den anderen Fondsmanagern von Fidelity. Hier diskutieren wir
Märkte und Branchen, aber auch Themen wie den Handel und natürlich einzelne Unternehmen.“
Quelle: Investmentfonds.de