01.09.2006
Bank Hofmann: Emerging Markets als Fallschirme?
Köln, den 01.09.2006 (Investmentfonds.de) - Die traditionelle Konjunkturlokomotive
USA hat offensichtlich das Tempo herabgesetzt. Die Bedeutung dieser Entwicklung für
den globalen Zyklus ist derzeit noch schwierig einzuschätzen. Zwar sind auf breiter
geographischer Basis immer noch Auftriebskräfte zu orten, doch könnte ein Abschwung
in Amerika die Weltwirtschaft zu einer unsanften Landung zwingen. Die "Emerging
Markets" könnten sich dabei dank ihrer ungebrochenen Wachstumsdynamik als wichtiges
Gegengewicht auf der Waage der Weltkonjunktur herausstellen. Dies soweit nicht etwa
eine starke Inflation oder geopolitische Krisen wie etwa eine Grippen-Pandemie
oder ein Krieg der USA mit dem Iran den Aufschwung weltweit abrupt beenden.
Die Schwellenländer sind zwar nur für rund 20% des Welt-Bruttoinlandproduktes
verantwortlich, haben aber letztes Jahr rund die Hälfte zu dessen Wachstum bei-
getragen. In einem Abschwung, der von den USA ausgelöst wird, dürften sie eher
ein stärkeres Gegengewicht bilden als Europa und Japan, wo die Konsumausgaben
vorab aus Gründen der Lohnkostenentwicklung kaum zum Zugpferd der Konjunktur
aufsteigen werden. Die aktuelle Wirtschaftsentwicklung in den Regionen Asien,
Osteuropa und Lateinamerika verdient daher besonderes Interesse.
Asien bleibt trotz dämpfenden Einflüssen auf hohem Wachstumsniveau. Die mit Abstand
größte Volkswirtschaft des Fernen Ostens, China, ist mit voller Kraft ins Jahr 2006
gestartet; das Bruttoinlandprodukt wurde im ersten Semester gegenüber dem Vorjahr
um 10.9% gesteigert. Diese hohe Kadenz wird sich allerdings nicht aufrechterhalten
lassen, ohne dass zunehmend schädliche Erscheinungen der Überhitzung, wie Teuerung,
Überkapazitäten und Immobilien-Spekulationsblasen die Folge sein werden. Die Wirt-
schaftsdaten der übrigen aufstrebenden Nationen Ostasiens vermitteln kein
einheitliches Bild, doch kann 2006 für die gesamte Ländergruppe ein praktisch
gleich hohes Wachstum wie im Vorjahr erwartet werden – die prognostizierten Zunahmen
des Bruttoinlandproduktes liegen zwischen rund 4% in Taiwan und 8% in Indien und
Singapur.
In Osteuropa setzt sich der solide Aufschwung fort. Bereits 2005 erzielten die Länder
des ehemaligen kommunistischen Ostblocks Steigerungen ihrer Wirtschaftsleistung
zwischen 3.4% in Polen und 6.4% in Russland. Im laufenden Jahr dürften die Wachstums-
raten überwiegend noch höher ausfallen. Beschleunigend wirkt vor allem der Exportsektor,
profitiert doch die Region in hohem Masse von der stärkeren Konjunktur in Westeuropa.
Aber auch die Binnenwirtschaft präsentiert sich durchwegs in ausgezeichneter
Verfassung und expandiert kräftig. Durch die anhaltend hohen Erdölpreise besonders
begünstigt bleibt Russland.
Eine hohe binnenwirtschaftliche Dynamik ist in Lateinamerika zu beobachten. In den
großen Volkswirtschaften dieser Region ist die Wirtschaftsentwicklung im 2006 bisher
erfreulich und zum Teil über den Erwartungen verlaufen. Argentinien verzeichnete nur
eine geringfügige Verlangsamung des sehr starken Wachstums der letzten drei Jahre,
während Brasilien und Mexiko, die 2005 konjunkturell enttäuschten, besser in Fahrt
gekommen sind. In allen drei Ländern florierte die Binnenwirtschaft – sowohl der
Konsum als auch die Investitionen wurden kräftig gesteigert. Die kommende Abkühlung
der amerikanischen Wirtschaft könnte in Mexiko, dessen Exportquote in die USA bei 80%
liegt, zunehmend das Wachstum bremsen, während sich in Argentinien Kapazitätsengpässe
und das Inflationsproblem dämpfend auswirken dürften. Einzig in Brasilien, wo das
Potenzialwachstum noch nicht erreicht ist und die Exporte nur gut 15% des
Bruttoinlandproduktes ausmachen, präsentieren sich die Voraussetzungen für eine
unverminderte konjunkturelle Fahrt wirklich günstig.
Quelle: Investmentfonds.de