14.08.2006
Activest: Weltweite Zinspolitik
Köln, den 14.08.2006 (Investmentfonds.de) -
Wieso Leitzinsen die Welt bewegen
Im ersten Moment war mancher Börsenguru geschockt, als Ben Bernanke dieser Tage
nach der Sitzung der US-Notenbank Fed vor die Kameras trat: Der Fed-Boss trug
eine dunkle Krawatte. Und in der Vergangenheit habe Bernanke einen ebensolchen
Schlips immer dann gewählt, munkelte man, wenn er eine - für die Aktienmärkte
schädliche - Erhöhung der Leitzinsen bekannt gab. 17 Mal in Serie hatte die Fed
zuletzt den am meisten beachteten Zinssatz der Welt auf aktuell 5,25 Prozent
erhöht, nun jedoch verkündete Bernanke die von vielen prognostizierte
'Zinserhöhungspause'. Das Krawatten-Orakel hatte versagt. Aber allein, dass sich
jemand Gedanken über Bernankes Farbvorlieben machte, zeigt, wie nervös die
Finanzmärkte sind.
Das Zünglein an der Waage
Denn weltweit befinden sich die Börsen in einer heiklen Phase. Der drei Jahre
anhaltende Aufwärtstrend ist seit Mai vorerst gestoppt. Der Dax verlor zwischen-
zeitlich rund 15 Prozent, kleinere Indizes noch mehr. Der wichtigste Grund für
die derzeitige Baisse ist die Unsicherheit über die Entwicklung der USA. Noch
im Frühjahr wuchs die weltgrößte Volkswirtschaft um 5,6 Prozent (auf das Jahr
gerechnet), aktuell allerdings scheint sich das Wirtschaftswachstum fast zu
halbieren. Zugleich erreichte die Inflation im Juni den höchsten Stand seit 2002.
Da diese Kombination aus konjunktureller Schwäche und (zu hoher) Geldentwertung
volkswirtschaftlich gefährlich ist, muss die Finanzpolitik sie bekämpfen. Die
Leitzinsen sind dabei das Zünglein an der Waage, beeinflussen sie doch entscheidend
Wirtschaftswachstum und Inflation.
Inflation kann zerstörerisch sein
Sie geben an, zu welchem Zinssatz Banken sich Geld bei der staatlichen
Zentralbank leihen können. Steigt der Satz, geben sie diese Mehrkosten über
höhere Kreditzinsen an ihre Kunden weiter. Unternehmen und Privatpersonen müssen
also für geliehenes Geld mehr zahlen und fragen daher weniger Kredite nach. Das
entzieht dem Markt Liquidität, bremst daher das Wirtschaftswachstum. Und auch
die Geldentwertung (Inflation) geht der Theorie nach zurück, da verfügbares Geld
wieder ein 'wertvolleres Gut' ist. Für das wirtschaftliche Gleichgewicht ist das
unerlässlich, denn Inflation kann verheerend sein. Wenn die Preise durch Geldent-
wertung zu schnell steigen, halten Händler Waren zurück: Schließlich verliert
das Geld, das sie einnehmen, an Reiz, wenn es schon am nächsten Tag weniger
Kaufkraft hat. Genauso ist es mit Banken: Sie vergeben weniger Kredite, weil der
Betrag, wenn sie ihn zurückerhalten, womöglich viel weniger wert ist.
Schlussendlich will niemand mehr etwas verkaufen. Konsum und Investitionen
liegen brach, Firmen müssen schließen, die Arbeitslosigkeit steigt. Verselbständigt
sich die Geldentwertung, können daran ganze Volkswirtschaften zugrunde gehen -
die 'Hyper-Inflation' im Deutschland der 1920-Jahre hat das gezeigt.
Warum die Lage in den USA heikel ist
Rechtzeitig die Zinsen anzuziehen, bremst die Geldentwertung, kann allerdings
auch das Wirtschaftswachstum lahm legen. Daher ist es für die Währungshüter stets
eine Gratwanderung, den richtigen Leitzins zu finden. Gerade in Amerika ist die
Situation gefährlich: Zu hohe Zinsen könnten den ohnehin schon vom Zusammenbruch
gefährdeten US-Immobilienmarkt endgültig kollabieren lassen. Denn viele Häuser
sind auf Kredit gekauft, und die Verschuldung der US-Bürger ist auf ein Allzeithoch
gestiegen. Steigende Kreditzinsen drohen daher so manchen, der sein Leben auf
Pump finanziert hat, in den Ruin zu treiben. Und falls die Amerikaner, deren
Konsumwahn zuletzt das US-Wachstum beflügelt hat, plötzlich zu sparen anfangen,
"könnte das das Wachstum dieses und nächstes Jahr bremsen", unkte Bernanke
unlängst. Viele sahen das schon als Andeutung für eine Zinspause. Allerdings gab
es auch zuletzt noch Gründe dafür, die Zinszügel weiter anzuziehen: vor allem die
steigende Inflation. Da statistisch erwiesen ist, dass die Geldentwertung erst
mit mehrmonatiger Verzögerung auf das Wirtschaftswachstum reagiert, dürfte sie
noch bis 2007 anhalten - selbst wenn die Ökonomie weiter in den Sinkflug übergeht.
Was EZB und Fed unterscheidet
Das gleiche Dilemma treibt auch Europas Finanzexperten um. Besonders problematisch
macht die Situation, dass die Europäische Zentralbank (EZB) unter ihrem Präsidenten
Jean-Claude Trichet nur darauf verpflichtet ist, dass die Geldentwertung moderat
(zwischen ein und zwei Prozent) bleibt. Wirtschaftswachstum und Beschäftigung sind
ihr dagegen, im Gegensatz zur Fed, (offiziell) egal. Dementsprechend erhöhte die
Zentralbank vergangene Woche nochmal die Leitzinsen - auf drei Prozent. Und das,
obwohl die Inflation in der Eurozone eher moderat ist und - ohne steigende Energie-
preise - deutlich unter der EZB-Maßgabe liegt. Allerdings ist Trichets Entscheidung
aus einem anderen Grund nachvollziehbar: Die EZB hat die Leitzinsen im Vergleich
zu den USA viel bedächtiger erhöht, will sich also womöglich noch Spielraum nach
unten verschaffen, um bei der nächsten Wirtschaftskrise mit Zinssenkungen reagieren
zu können.
Schwere Zeiten für Anleger
Die Leitzinsentwicklung macht die derzeitige Lage für Anleger nicht einfacher:
Bernanke hat weitere Zinserhöhungen für die USA nicht ausgeschlossen, bei der EZB
sind sie sogar sehr wahrscheinlich, und auch in Japan und England geht der
Zinstrend eher nach oben. Wer in festverzinsliche Wertpapiere investiert, hofft
auf steigende Zinsen, da sie Bonds im Vergleich zu Aktien attraktiver machen.
Allerdings drohen dann bereits aufgelegten Papieren, die zum bisherigen (und damit
unattraktiveren) Zinssatz ausgegeben wurden, Kurseinbußen. Aktien goutieren
steigende Zinsen fast nie. Denn wenn sich für Unternehmen Kredite verteuern,
schmälert das ihre Gewinne. Dementsprechend brachten die Zinserhöhungen der
letzten Monate immer wieder Dämpfer für die Börsen. Sogar viele Experten wissen
wegen der Unsicherheit nicht, was Anlegern derzeit zu raten ist. Vielleicht ein
besseres Orakel als Bernankes Krawatte zu suchen ...
Quelle: Investmentfonds.de