23.06.2006
JP Morgan AM: Inflationssorgen sind übertrieben
Köln, den 23.06.2006 (Investmentfonds.de) - In den letzten Wochen haben die
Aktienmärkte weltweit stürmische Zeiten erlebt: „Diese Entwicklung ist in einem
Umfeld abnehmender globaler Liquidität symptomatisch. Denn die Zentralbanken
drehen in der Spätphase eines Konjunkturzyklus gern an der Zinsschraube“,
erklärt Tom Elliott, globaler Stratege bei JPMorgan Asset Management in London.
Seiner Meinung nach wurden jedoch oft falsche Gründe genannt, um die plötzliche
Verkaufswelle ab dem 9. Mai zu erläutern. Die grundlegende Haupterklärung war,
dass die Kursschwankungen an den Aktienmärkten durch die Furcht vor einer
steigenden Inflation verursacht wurden. Die plausiblere Erklärung beruht jedoch
auf der allgemeinen Reduzierung risikobehafteter Engagements.
„Der Risikoindex von Credit Suisse ist nach einem 20-Jahreshoch von 7,9 auf
aktuell 1,7 zurückgegangen – sprich von einem Zustand der Euphorie zurück zur
Neutralität“, unterstreicht Elliott.
Innerzyklische Verschnaufspause statt Ende des Konjunkturzyklus
Seiner Ansicht nach sind die Sorgen über globale Inflationsängste übertrieben.
„Es ist zwar verständlich, dass die in den vergangenen drei Jahren beträchtlich
gestiegenen Öl- und Rohstoffpreise Sorgen bereiten. Wir haben es jedoch hier mit
einer Veränderung der relativen Preise zu tun, die für sich genommen das absolute
Preisniveau nicht berühren – außer sie werden von einer lockeren Geldpolitik
begleitet oder auf Unternehmensseite besteht ausreichend Preisgestaltungsmacht,
um diesen erhöhten Kostendruck weiterzureichen“, so Elliott. Sein Fazit: „Trotz
der kurzfristigen Sorge um die Basiseffekte lassen sich die der Inflation zugrunde
liegenden Fundamentaldaten weiterhin sehr gut kontrollieren.“
Die aktuelle Entwicklung beschreibt Tom Elliott als „innerzyklische Verschnaufpause
und nicht als Ende des Konjunkturzyklus“ und betont: „Unser Optimismus gründet sich
unter anderem darauf, dass es im Unternehmenssektor bislang zu keiner nennenswerten
Erosion der Finanzkraft gekommen ist. Der globale Gewinnzyklus ist weiterhin robust
und die Unternehmensbilanzen befinden sich – alles in allem – weiterhin in sehr guter
Verfassung. Hinzu kommt, dass der Unternehmenssektor weltweit nach wie vor
unterinvestiert ist, urteilt man nach dem niedrigen Verhältnis der Investitions-
tätigkeit zum Umsatz. Darüber hinaus bleibt er wahrscheinlich auch weiterhin
mit einem verhältnismäßig niedrigen Fremdkapitalanteil ausgestattet“.
Elliott sieht aber auch Risiken, die mit dem aktuellen Stadium des Konjunkturzyklus
verbunden sind. „Auch wenn wir das Inflationsrisiko insgesamt weiterhin entspannt
sehen, so darf es doch nicht aus den Augen verloren werden“, schließt er.
Wann den Wiedereinstieg wagen?
In diesem volatilen Umfeld agieren auch die Investmentprofis von JPMorgan Asset
Management vorsichtig. Karsten Stroh, Leiter des Teams für Aktien und gemischte
Portfolios in Frankfurt, erläutert die aktuelle Vorgehensweise der Vermögensver-
walter: „Aus strategischer, also langfristiger Sicht sind wir in unseren globalen
Mischportfolios Aktien gegenüber weiterhin wohl gesonnen. Denn die Bewertungen
machen nach den meisten Maßstäben einen sehr konservativen Eindruck. Vergleicht
man beispielsweise die aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnisse mit den dreijährigen
gleitenden Durchschnitten, ergibt sich durchweg eine neutrale bis moderat günstige
Bewertung. Aus taktischer Sicht ist es jedoch für Kaufaktivitäten an diesen Märkten
möglicherweise noch zu früh.“
Nun ist die Frage, die alle Anleger interessiert: Wann könnte man wieder einen
Einstieg wagen? Laut Karsten Stroh gibt es eine Reihe von Schlüsselereignissen, die
Marktbewegungen auslösen könnten. Die Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses (FOMC)
am 29. Juni könne die Erwartungen des Marktes in entscheidendem Maße beeinflussen;
wichtig sei dabei auch der Ton, den die US-Notenbank in ihrem Begleitkommentar
anschlägt. In diesem fortgeschrittenen Stadium des Konjunkturzyklus müssen die
Marktteilnehmer vor allem Gewissheit über die Inflationsrisiken haben. Darüber
hinaus wird auch von Bedeutung sein, welche Richtung der US-Dollar einschlägt.
Anzeichen von Stabilität dürften dabei eine beruhigende Wirkung auf die Aktienmärkte
haben, während ein weiterer Schwächeanfall des Greenback für Nervosität sorgen
könnte. Laut Stroh werden die kommenden ein bis zwei Monate vermutlich noch von
einer gewissen Unsicherheit und Unruhe geprägt sein, doch dürften die Sorgen abklingen
und die Märkte dann wieder besser laufen. „Unsere Strategie beruht unterdessen
weiterhin auf einer leichten taktischen Untergewichtung von Aktien gegenüber Anleihen.
Unsere bevorzugten Aktienmärkte heißen weiterhin Japan und Kontinentaleuropa. An
unserer Untergewichtung der USA halten wir fest, haben aber Large Caps leicht aufge-
stockt. Wenn die Ereignisse ihren weiteren Lauf nehmen und dabei größere Klarheit
über das Timing im US-Zinszyklus verschaffen, werden wir wahrscheinlich weitere
Aufstockungen vornehmen.“
Quelle: Investmentfonds.de