06.02.2006
Bank Hofmann: Wirtschaft der Schwellenländer im Blick
Köln, den 06.02.2006 (Investmentfonds.de) - Weltweit wird die Konjunktur nach wie
vor entscheidend durch die Tendenzen in den hoch entwickelten Volkswirtschaften
bestimmt, doch die aufstrebenden Regionen werden immer wichtiger. Asien ohne Japan,
Osteuropa und Lateinamerika erbrachten 2005 zwar zusammen nur rund 20% des Welt-
Bruttoinlandproduktes. Zum gesamten Wachstum haben sie indessen etwa die Hälfte
beigetragen. Der weiteren Entwicklung der "emerging countries" gilt daher ein
breites Interesse. Die Aussichten sind zuversichtlich zu beurteilen.
Die Bedeutung der Schwellenländer ist deswegen so groß geworden, weil sie erstmals
in der modernen Wirtschaftsgeschichte einen gemeinsamen Aufschwung erleben. Noch
in den Neunzigerjahren traten immer wieder schwerwiegende Krisen auf, so in der
Region Ostasien sowie den Ländern Russland, Argentinien, Mexiko und Brasilien.
Diese Krisen fußten meist auf verfehlter Politik, Misswirtschaft oder Korruption.
Heute präsentiert sich die Gesamtsituation wesentlich stabiler, auch wenn in ver-
schiedenen Staaten immer noch Anfälligkeiten bestehen.
Asien entfaltet sich im Sog von China. Das chinesische Bruttoinlandprodukt ist
2005 real um nahezu 10% gestiegen und wird auch im laufenden Jahr kaum eine
nennenswerte Verlangsamung des Wachstums erleiden. Von einer Steigerung der
Nachfrage aus China werden auch die ostasiatischen "Tiger"-Staaten profitieren,
deren Frühindikatoren denn auch gegenwärtig mehrheitlich eine schnellere Fahrt
der Konjunktur signalisieren.
Für die Länder Osteuropas ist das Wachstum dynamisch und breit abgestützt, wenn
auch gewisse Unregelmäßigkeiten feststellbar sind. Die Reformprozesse in den
ehemals kommunistischen Staaten sind inzwischen so weit gediehen, dass ein aus-
gewogener Mix von Antriebskräften für das beachtliche Wachstumsniveau verant-
wortlich ist, welches für 2006 auf der Vorjahreshöhe von etwa 5% erwartet wird.
Die Exportabhängigkeit dieser Länder bleibt allerdings mit Anteilen von
30 – 70% am Bruttoinlandprodukt groß, doch ermöglichen gute Gewinnaussichten,
hohe Kapitalzuflüsse aus dem Ausland und günstige Arbeitsmarkttrends deutliche
Steigerungen der Investitions- und Konsumausgaben. Ein ungelöstes Problem stellt
in verschiedenen Fällen die Leistungsbilanz dar; eine ganze Reihe von Ländern
– Bulgarien, Kroatien, Rumänien, Serbien, die Slowakei und Ungarn – weisen hier
massive Defizite zwischen 6% und 13% des BIP auf. Solche Defizite werden
längerfristig nicht tragbar sein.
Von den drei bedeutenden Schwellenregionen erzielte mit rund 4% Lateinamerika im
letzten Jahr das niedrigste BIP-Wachstum. Es zeigt sich dabei ein uneinheitliches
Bild; die Differenzen zwischen den einzelnen Ländern sind größer als in Asien und
in Osteuropa. Mühe bekunden vor allem die "Schwergewichte" Brasilien und Mexiko,
deren Wirtschaft 2005 nur um geschätzte, für aufstrebende Nationen jedenfalls
unbefriedigende 2.3% bzw. 3.1% expandierte. Inflationsbedingt ist in Brasilien
die Geldpolitik restriktiv. Diese Politik hat vorab das Investitionswachstum
behindert. Der Leitzins wurde inzwischen allerdings auf 17 ¼% reduziert. Auch in
Mexiko haben zunächst Zinserhöhungen die Konjunktur gedämpft – die Investitionen
und den Konsum gleichermaßen. Wie in Brasilien hat die Zentralbank jedoch vor
einigen Monaten wieder auf "Grün" geschaltet. Am oberen Ende der lateinameri-
kanischen Wachstumsskala bewegte sich im vergangenen Jahr Argentinien mit einem
geschätzten Plus von 8 ½%. Die Wirtschaft ist nun dort bereits von Kapazitäts-
engpässen und einer entsprechenden Inflationsspirale betroffen. Die Regierung
wird daher kaum darum herum kommen, die monetären Zügel anzuziehen. Es ist also
möglich, dass sich im Laufe von 2006 die Konjunktur abkühlt.
Quelle: Investmentfonds.de