14.10.2005
Investitionen lassen sich nicht durch höhere Lohnabschlüsse beflügeln
Köln, den 14.10.2005 (Investmentfonds.de) - Damit sind wir auch schon bei den
wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen. Lassen Sie mich in diesen Zusammenhang
zunächst mit ein paar Anmerkungen zur Binnennachfrage beginnen, die inhaltlich auch
an der Investitionsentwicklung anknüpfen.
In den letzten Monaten mehren sich die Stimmen, die das schwache Wirtschaftswachstum
in erster Linie auf zu geringe Lohnsteigerungen zurückführen. Es wird argumentiert,
dass die Lohnzurückhaltung der letzten Jahre den privaten Konsum dämpft und deswegen
letztlich auch die Ertragserwartungen der Unternehmen und somit die Investitionsneigung
drückt. Vor dem aberwitzigen Versuch, in der gegenwärtigen Situation den privaten
Konsum und die Investitionen mit höheren Lohnabschlüssen anzuregen, und uns damit
gewissermaßen am eigenen Schopf aus dem konjunkturellen Sumpf zu ziehen, warnen wir
nachdrücklich. Gerade die moderate Lohnpolitik der letzten Jahre hat die Wettbewerbs-
fähigkeit der deutschen Wirtschaft und damit auch der Arbeitsplätze in Deutschland
verbessert. Mit dieser Lohnmoderation ist die Korrektur überzogener Tarifabschlüsse
aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre wohl gelungen. Eine generelle Abkehr von
dieser Politik würde die inzwischen erreichten Fortschritte zunichte machen und die
Perspektiven am Arbeitsmarkt verschlechtern. Wir können uns beim besten Willen nicht
vorstellen, wie dies den privaten Konsum und die Investitionen beflügeln soll.
Letztlich würden wir die angesammelte „Reformrendite“ aufzehren.
Wo sich auf Grund der Gewinnentwicklung fallweise Spielräume für etwas höhere
Lohnabschlüsse öffnen, sollten diese individuell auch genutzt werden. Hierzu
könnte es sinnvoll sein, über gewinnabhängige Lohnbestandteile nachzudenken.
Beide Hinweise unterstreichen letztlich aber die grundsätzliche Forderung nach
einer größeren Flexibilität in der Tarifpolitik, der mit der Bereitschaft betrieb-
liche Bündnisse zur Arbeit zuzulassen, der Tendenz nach entsprochen wird.
Reformnotwendigkeit
Ähnliches, wie für die Lohnpolitik gilt auch für die allgemeine Wirtschafts-
politik in Deutschland: Der in den letzten Jahren eingeschlagene Reformkurs
muss fortgesetzt werden. Die bisherigen Bemühungen reichen jedenfalls noch nicht
aus, um die Perspektiven am Arbeitsmarkt nachhaltig zu verbessern oder den
vor uns liegenden demographischen Herausforderungen zu begegnen. Mit Blick auf
die sich schnell wandelnde Weltwirtschaft würde uns Stillstand im nationalen
Reformprozess zudem im internationalen Vergleich schnell wieder zurückfallen
lassen. Vordringlich sind deshalb weiterhin niedrigere Lohnzusatzkosten durch
Reformen in den sozialen Sicherungssystemen, ein neu geordnetes Steuersystem,
deregulierte Güter- und Faktormärkte sowie die Sanierung der Staatsfinanzen.
Darüber hinaus müssen die Rahmenbedingungen für Bildung und Innovationen
verbessert und das Arbeitsvolumen durch längere Jahres- und Lebensarbeitszeiten
erhöht werden.
Von der Bundestagswahl geht kein Aufbruchsignal aus
Angesichts der durch die Bundestagswahl in Deutschland entstandenen Rahmen-
bedingungen halten wir den Spielraum für weit reichende Reformen jedoch für begrenzt.
Hinweis dafür ist beispielsweise der schwierige Prozess der Regierungsbildung.
Als rasch umsetzbare Maßnahmen einer großen Koalition können wir uns zunächst vor-
stellen, an den Ergebnissen des Job-Gipfels vom März dieses Jahres anzuknüpfen. Zu
einem großen Wurf würden diese Maßnahmen aber auch nach der langen Verzögerung nicht
werden. Verbesserungen sind ferner beim Thema Föderalismusreform möglich. Zudem könnte
versucht werden, den Niedriglohnsektor gezielt und systematisch zu fördern. Ein
solcher Ansatz wäre grundsätzlich zu begrüßen, wobei es – siehe Hartz IV-Gesetzgebung
– ganz entscheidend auf die genaue Ausgestaltung des Konzepts ankommt.
Wenig zuversichtlich sind wir bei den unverändert notwendigen Arbeitsmarktreformen.
Gerade hier wäre aber mehr Flexibilität notwendig, um die durch Reformen in anderen
Bereichen hinzugewonnene Kraft der Wirtschaft „auf die Straße zu bringen“. Leistungs-
ausweitungen beim Arbeitslosengeld II oder eine längere Bezugsdauer des originären
Arbeitslosengeldes in Abhängigkeit der Beitragszahlungen wären sogar klare Rückschritte.
Zudem dürfte die grundlegende Reform des Steuersystems nur schwer gelingen. Ganz
besonders skeptisch sind wir aber im Bereich der sozialen Sicherungssysteme. Die
dringend erforderliche Umstellung der Pflegeversicherung auf ein Kapitaldeckungssystem
und die Verlagerung von Leistungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung in die
private Verantwortlichkeit sind in weite Ferne gerückt. Ganz im Gegenteil: In der
Kranken- und Pflegeversicherung ist über eine Ausweitung des Versichertenkreises
letztlich noch mehr Kollektivismus zu befürchten.
Doch lassen Sie mich mit einem hoffnungsvollen Punkt schließen. Der entschlossene
Bürokratieabbau wäre eine Reform, deren Wirkung noch immer deutlich unterschätzt
wird. Außerdem wäre dies eine Reform, die nicht an den begrenzten finanziellen
Mitteln der öffentlichen Hand scheitern sollte. Wir hoffen daher sehr, dass sich
die neue Bundesregierung diesem weiten Betätigungsfeld ernsthaft und entschlossen
widmet.
Quelle: Investmentfonds.de