14.10.2005
Bankenverband: Weltwirtschaft bleibt zunächst robust
Köln, den 14.10.2005 (Investmentfonds.de) - Die Weltwirtschaft wächst nach wie vor
mit einer überdurchschnittlichen Dynamik. Nach einer leichten Abschwächung im zweiten
Halbjahr 2004 hat sich das globale Wachstumstempo in der ersten Jahreshälfte 2005 sogar
wieder leicht erhöht. Die Wachstumszentren sind unverändert die USA und der asiatische
Wirtschaftsraum. Aber auch von den Öl exportierenden Ländern kommen merkliche
Wachstumsimpulse.
Angesichts der hohen Ölpreise wird die wirtschaftliche Dynamik in den kommenden
Monaten etwas nachlassen. Eine kräftige Abschwächung der Weltkonjunktur oder gar
das Abgleiten in eine Rezession allein als Folge der Ölpreisentwicklung ist jedoch
aus mehreren Gründen nicht zu befürchten.
Erstens lässt sich die aktuelle Ölpreisentwicklung nicht mit der Situation in den
siebziger und achtziger Jahren vergleichen:
Der Ölpreisanstieg ist vor allem durch die hohe Nachfrage bedingt, die wiederum mit
einem kräftigen globalen Wachstum einhergeht und die Ölpreiseffekte abfederte.
Auf Grund des nachfragebedingten Preisanstiegs steht die Weltwirtschaft keiner
Ölpreisexplosion gegenüber, sondern einer seit 1999 anhaltenden zeitlich gestreckten
Verteuerung des Rohöls. Die Wirtschaft hatte somit mehr Zeit, sich auf diese Entwick-
lung einzustellen.
Die Energieintensität in den meisten Industrieländern ist deutlich gesunken.
Wegen des scharfen internationalen Wettbewerbs um Absatzmärkte und Produktionsstandorte
ist die Gefahr von „Zweitrundeneffekten“ bei den Löhnen sowie bei den Verbraucherpreisen
begrenzt. Damit ist ein starkes Gegensteuern der Geldpolitik, was das Wachstum bremsen
würde, nicht nötig.
Die Öleinnahmen werden durch höhere Importe der Öl exportierenden Länder und das enge
Zusammenspiel der internationalen Finanzmärkte schneller recycelt als in der Vergangenheit.
Zweitens erwarten wir – bei einer sich leicht abschwächenden Weltkonjunktur – in den
kommenden Monaten eine Beruhigung an den Rohölmärkten. Für das kommende Jahr kalkulieren
wir einen Ölpreis von etwas unter 60 US-$ je Barrel. Im Laufe des nächsten Jahres sollten
daher die ölpreisbedingten Konjunkturbelastungen allmählich wieder abflauen.
Drittens ist davon auszugehen, dass die Aufbau- und Instandsetzungsarbeiten und nicht
zuletzt die staatlichen Wiederaufbauhilfen für die Hurrikanschäden in den USA einen
massiven nachfrageseitigen und fiskalpolitischen Wachstumsimpuls auslösen werden. Die
US-Wirtschaft dürfte dann mit einem über der Potenzialrate liegenden Wirtschaftswachstum
in das nächste Jahr starten. Das wäre ein beachtliches Gegengewicht gegen
Abschwächungstendenzen. Trotz der tragischen Folgen von Katrina für die Menschen in
den betroffenen Gebieten: Die wirtschaftlichen, insbesondere die weltwirtschaftlichen
Wachstumsbehinderungen dürften sehr gering sein.
Viertens ist der wirtschaftliche Aufholprozess in den Schwellenländern überraschend
stabil. Er erhält durch die Globalisierung dauerhaft Nahrung und wird unseres Erachtens
die Weltwirtschaft auch 2006 stützen.
Die Kehrseite der Medaille: Ungleichgewichte steigen
Wir sehen die Weltwirtschaft bis ins nächste Jahr hinein in einer weiterhin recht
robusten Verfassung. Allerdings – und hier kommt das große „Aber“ – hat die von uns
prognostizierte Entwicklung auch eine Kehrseite: Die makroökonomischen Ungleichgewichte,
namentlich das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA, drohen sich weiter zu verschärfen.
Das gilt auch, weil die staatlichen Hilfen in Folge der Hurrikanschäden zusätzliche
Löcher in das amerikanische Staatsbudget reißen und die in den vergangenen Monaten zu
beobachtenden Ansätze einer Haushaltskonsolidierung wieder infrage stellen. Zusammen
mit den durch die hohen Ölpreise verteuerten Importen droht das amerikanische
Leistungsbilanzdefizit dann auf neue Rekordstände zu klettern. Dies ist keine lang-
fristig tragbare Situation.
Hinzu kommt ein weiteres Dilemma: In den USA bahnt sich ein Konflikt zwischen der Geld-
und der Fiskalpolitik an. Während die Geldpolitik wegen der über der Potenzialrate
wachsenden Wirtschaft und des zunehmenden Preisdrucks bremst, tritt die Fiskalpolitik
auf das Gaspedal. Das ohnehin schon schwierige Vorhaben der amerikanischen Notenbank,
das Wirtschaftswachstum auf dem Potenzialpfad zu stabilisieren, wird dadurch zusätzlich
erschwert. Die geldpolitischen Maßnahmen dürften deshalb künftig restriktiver ausfallen,
als in einer Situation, in der die Fiskalpolitik einen klaren Konsolidierungskurs fährt.
Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Zum einen würden die Zinserhöhungen den US-Dollar
stärken, was den Fehlbetrag in der US-Leistungsbilanz weiter anschwellen lässt. Zum
anderen stellen deutlichere Zinssteigerungen – verstärkt um die Bremswirkung hoher
Ölpreise – eine ernsthafte Gefahr für die amerikanische Binnenkonjunktur dar. Gerade
im amerikanischen Immobiliensektor könnten steigende Zinsen und eine schwächere Nachfrage
der privaten Haushalte erhebliche Preiskorrekturen auslösen. Der damit verbundene nega-
tive Vermögenseffekt würde die US-Konsumnachfrage dämpfen und auch in der Weltwirtschaft
sichtliche Bremsspuren hinterlassen.
Zusammenfassend sehen wir deshalb im Laufe des kommenden Jahres für die Weltwirtschaft
ein erhebliches Belastungs- und Korrekturpotenzial. Dieses geht aber nicht vor allem von
den in den letzten Wochen stark thematisierten Ölpreisen aus, sondern von den
makroökonomischen Ungleichgewichten, die von der Wirtschaftspolitik auf allen Seiten
nahezu ignoriert werden.
Quelle: Investmentfonds.de