28.09.2005
Templeton: Die jüngste Entwicklung der Ölpreise
Köln, den 28.09.2005 (Investmentfonds.de) - Der Wirbelsturm Katrina legte die
meisten der Offshore-Förderanlagen in einer US-Region lahm, aus der mehr als
ein Viertel des im eigenen Land produzierten Öls stammt. Gleichzeitig fielen
zehn Prozent der Raffineriekapazitäten des Landes aus. Dabei hatten die Rohöl-
preise bereits vor dem Sturm drastisch angezogen. Das hat manchen Beobachter
überrascht, denn die Lagerbestände waren im Zuge der gestiegenen Nachfrage
aufgestockt worden. Für den Preisschub gibt es mehrere Erklärungen. Zunächst
hatte der Markt das rasche Ende der Kapazitätsblase nicht kommen sehen, die
die Ölpreise seit der letzten ausgewachsenen Krise nach der Revolution im Iran
1979 in Schach gehalten hatte. Damals steigerten andere Ölproduzenten ihre
Förderquoten. Nachdem die Wirtschaft Anfang der 1980er Jahre (und auch Anfang
der 1990er wieder) nur zaghaft wuchs, reichten die Energiekapazitäten leicht
aus, um die Nachfrage zu decken. Das hat sich durch den rasch wachsenden
Ölbedarf in China seit 2001 geändert. Die globale Nachfrage ist in den ver-
gangenen zwei Jahren um mehr als zwei Prozent im Jahr gestiegen und damit ums
Doppelte der durchschnittlichen Jahresrate des vorangegangenen Jahrzehnts.
Die hohe Nachfrage führte zu einer stärkeren Auslastung der Produktionska-
pazität. Parallel dazu erhöhen viele Länder angesichts des knappen Angebots
und der geopolitischen Risiken ihre Reserven. Dadurch wird der Markt noch
enger. Infolgedessen haben sich die Rohölpreise in den vergangenen vier
Jahren verdreifacht.
Der zweite Grund für die Extreme beim Ölpreis sind die geopolitischen Ent-
wicklungen. Die entstehende Verunsicherung wird durch verschiedene Manöver
Chinas noch verstärkt. Die Chinesen haben sich nicht nur in die Ölindustrie
des Sudan, Venezuelas und Perus eingekauft, sondern vor kurzem einen Vertrag
zur Übernahme von PetroKazahkstan unterzeichnet, der ihnen Zugang zur Region
ums Kaspische Meer verschafft. Außerdem haben sie in kanadische Ölsandvorkommen
investiert (die früher als unwirtschaftlich galten, doch mittlerweile durchaus
als viel versprechende Rohölquelle betrachtet werden). Interessant ist auch,
dass die Chinesen jüngst gemeinsame militärische Übungen mit den Russen auf-
genommen haben, einem weiteren großen Öllieferanten.
Sorgen bereitet, dass gegenwärtig rund 40% der geförderten Ölmenge aus reifen
Ölfeldern gepumpt werden, die ihren Förderhöhepunkt bereits überschritten
haben oder in Kürze überschreiten werden. Die globale Produktionsbasis wird mit
einer Rate von 3-4% der bekannten Reserven im Jahr erschöpft. Zwar gehört
der Umfang der saudiarabischen Ölreserven zu den am strengsten gehüteten Ge-
heimnissen, doch viele Beobachter glauben, dass die Fördermenge der wichtigen
Ölfelder der Saudis ihren höchsten Stand bald überschritten haben könnte. Zwar
könnten die Saudis die Produktion in den kommenden Jahren unter Umständen
noch steigern, doch vermutlich nur zu höheren Kosten. Ob das ausreichen wird,
um die steigende Nachfrage zu bewältigen, ist fraglich. Es müssen schnell neue
Produktionsquellen aufgetan werden, um den gegenwärtigen globalen Ölhunger von
rund 84 Millionen Barrel Rohöl am Tag zu stillen und die wachsende globale
Nachfrage zu befriedigen. Zum Glück haben die jüngsten Entwicklungen die Ex-
ploration vorangetrieben. Ölfelder vor der Küste Angolas und Nigerias in Afrika,
an der Küste Norwegens, in Sibirien und vor der Küste Ostbrasiliens wirken viel
versprechend.
Vielleicht wird auch der Irak auf Angebotsseite wieder eine maßgebliche Rolle
spielen. Libyen dürfte seine Produktion erwartungsgemäß ebenfalls steigern.
Langfristige Nachfrageprognosen auf der Basis der aktuellen Trends errechnen
einen Anstieg des globalen Tagesbedarfs von heute 84 Millionen Barrel auf
125 bis 130 Millionen Barrel im Jahr 2025. Auch wenn neue Quellen erschlossen
werden, ist kaum vorstellbar, dass eine solche Menge geliefert werden kann.
Dabei wird der Förderhöhepunkt zwischen 2010 und 2015 angesetzt.
Wie bereits angesprochen, ist die Ölgewinnung aus Ölsanden durch den Preisanstieg
interessanter geworden. Vordem galten Ölsande als wenig rentabel, doch inzwischen
werden solche Quellen ins Kalkül gezogen. Die Spanne zwischen der billigsten und
der teuersten Produktionsmethode ist gewachsen. Das wiederum spricht für einen
Aufwärtstrend beim potenziellen Mindestpreis für Öl (und auch für Erdgas), da
die wachsende Nachfrage durch teurer produziertes Öl befriedigt wird.
Ein weiteres wichtiges Thema ist Flüssiggas (LNG). Durch Hurrikan Dennis und das
anfangs für die Jahreszeit warme Wetter hatte sich der Angebotsüberhang in den
USA bereits reduziert und wurde durch Katrina gänzlich aufgezehrt. Anders als bei
Rohöl und Rohölprodukten verfügen die USA bei LNG nicht über die Importkapazi-
täten zum Ausgleich der zehnprozentigen Produktionsausfälle durch den Hurrikan.
Infolgedessen dürften die Heizkosten der Amerikaner in diesem Winter deutlich
anziehen. Neben auf Erdgas spezialisierten E&P-Unternehmen dürften Öldienstleister
von den aktuellen Entwicklungen profitieren, denn bei Exploration und Produktion
beobachten wir gerade den möglicherweise größten synchronisierten Investitionszyklus
aller Zeiten.
Bislang zeigten sich die amerikanischen Verbraucher von den rasch steigenden
Ölpreisen erstaunlich unbeeindruckt. Der globale Wettbewerbsdruck hat für niedrige
Kerninflation gesorgt. So konnte die Fed die Zinsen langsamer anheben, als sie es
sonst vielleicht getan hätte. Doch die steigenden Ölpreise drücken auf die Gewinn-
spannen der US-Unternehmen. Außerdem wächst die Angst, dass die Konsumenten in
den USA weniger Geld ausgeben. Dieses Geld stammte bisher vor allem aus Hypotheken
auf im Preis steigende Immobilien.
Andere Teile der Welt könnten vom Anstieg der Energiepreise unverhältnismäßig
stark betroffen sein. So nutzen viele asiatische Länder ihr Öl vergleichsweise
ineffizient. Ihr Ölverbrauch pro BIPEinheit ist im Vergleich zu Westeuropa und
Japan hoch.
Quelle: Investmentfonds.de