19.09.2005
Activest: Haben die Deutschen die Börsen-Hausse abgewählt?
Köln, den 19.09.2005 (Investmentfonds.de) - Das Chaos brach sofort aus. Um Punkt
neun Uhr am Montagmorgen, als auf dem Frankfurter Börsenparkett der Aktienhandel
losging, war all die Euphorie der letzten Monate vergessen. Die große schwarze
Anzeigetafel an der Wand dokumentierte ohne Emotionen, wie der DAX-Kurs einbrach.
Über 100 Punkte verlor der deutsche Leitindex binnen weniger Minuten, die zuletzt
mehrfach überschrittene Marke von 5000 Zählern rückte in weite Ferne. Und das
alles wegen einer Bundestagswahl, die als historisch in die Geschichtsbücher
eingehen wird. Noch nie in der Bundesrepublik hat das Ergebnis eines Urnengangs
so viele Möglichkeiten offen gelassen, wer nun das Land regieren soll. Noch nie
war die Verwirrung um die politische Zukunft so groß. Und genau das war es, was
auch den Börsen zu schaffen machte, hassen die doch nichts mehr als Unsicherheit.
Die meisten Börsianer hatten auf Schwarz-Gelb gehofft
Im Vorfeld hatte die Mehrzahl der Experten mit einem - wenn auch knappen - Sieg
von Schwarz-Gelb und der Abwahl der rot-grünen Regierung gerechnet. Die Aussicht
auf einen politischen Wechsel und einen darauf folgenden Reform-Schub hatte die
Kurse beflügelt - einer der Gründe, warum der DAX zuletzt zu den am stärksten
haussierenden Indizes in Europa zählte. Schwarz-Gelb wird es nun nicht geben, so
viel steht zumindest fest. Zwar konnte die FDP mit 9,8 Prozent der Stimmen ihr
bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl seit 1990 einfahren, doch erlebte die
Union ein Debakel. Sie kam nur auf 35,2 Prozent, und das, obwohl sie noch in der
Woche vor der Wahl in sämtlichen Umfragen bei über 40 Prozent gelegen hatte. Zwar
wird die Partei von Kanzlerkandidatin Angela Merkel wohl die stärkste Kraft im
Bundestag, doch liegt sie nur hauchdünn vor der SPD. Die Roten schafften es im
Endspurt des Wahlkampfes noch, aus ihrem Umfragetief zu klettern. Die 34,3 Prozent
bedeuten dennoch eines ihrer schlechtesten Ergebnisse in der bundesdeutschen
Geschichte. Überraschend stark schnitt dagegen die neue Linkspartei ab, die mit
8,7 Prozent sogar noch die Grünen (8,1) hinter sich ließ.
Jamaika, Ampel oder doch eine Große Koalition?
Mögliche Regierungskonstellationen gibt es nun zahlreiche. Und ginge es nicht um
Deutschlands Zukunft - man könnte sich köstlich darüber amüsieren, mit welcher
Zielstrebigkeit jede politische Couleur bemüht schien, sämtliche Möglichkeiten als
unmöglich abzukanzeln. Am wahrscheinlichsten erscheinen derzeit eine Große
Koalition, die berühmte 'Ampel' aus SPD, FDP und Grünen oder aber die am Wahlabend
ob der Parteifarben 'Jamaika-Koalition' getaufte Alternative aus Union, FDP und
Grünen. Der große Vorteil einer CDU/SPD-Regierung wäre ihre breite Mehrheit im
Bundestag und die Tatsache, dass sie auch im Bundesrat eine Majorität hätte.
Allerdings ist Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht bereit, Merkel als Junior-
Partner zur Seite zu stehen: "Ich fühle mich bestätigt, für unser Land dafür zu
sorgen, dass es auch in den nächsten vier Jahren eine stabile Regierung unter
meiner Führung geben wird", polterte er nach der Wahl. In einer Ampel-Koalition
wäre diese SPD-Vormacht gesichert, allerdings fehlte die Mehrheit im Bundesrat,
was viele Reformen unmöglich machen würde. Gegen ein solches Dreierbündnis spricht
zudem - genauso wie gegen die 'Jamaika-Lösung' - die öffentliche Gegnerschaft
zwischen Grünen-Frontmann Joschka Fischer und FDP-Chef Guido Westerwelle.
Allerdings hat sogar CSU-Hardliner Edmund Stoiber schon ausdrücklich anklingen
lassen, dass "auch die Grünen" zu Koalitionsgesprächen eingeladen würden.
Rechnerisch möglich wäre auch noch ein Dreierbündnis aus SPD, Grünen und
Linkspartei - allerdings haben sich die Großkopferten aller Lager schon im
Vorfeld klar dagegen ausgesprochen.
Warum die Zusammensetzung der Regierung zweitrangig ist
Eine solche Linksregierung würde das deutsche Ansehen in der Welt auch schwer
beschädigen, gelangte damit doch eine sozialistische SED-Nachfolgepartei an die
Regierung. Auch die Börsen würden einen solchen Politschock kaum verkraften.
Alle anderen Konstellationen dagegen würden den DAX - nachdem die erste Enttäuschung
verflogen ist - wohl kaum belasten. Im Gegenteil: Das Wichtigste ist nun, dass so
schnell wie möglich eine stabile Regierung gefunden wird und das politische Vakuum
kein Dauerzustand bleibt. Welche Partei schlussendlich ihr Programm verwirklicht,
ist aus Sicht der Aktienmärkte so entscheidend gar nicht. Denn erstens sind die
fundamentalen Ziele die gleichen, auch wenn es zweifelsohne Differenzen in der
steuer- und ordnungspolitischen Marschrichtung gibt. Der Deutsche Industrie- und
Handelskammertag erklärte dementsprechend auch, dass das Wahlergebnis das Wirtschafts-
wachstum nicht tangieren werde. Und zweitens hat die deutsche Politik auf viele
Unternehmen nur wenig Einfluss, weil sie - vor allem die Großkonzerne - inter-
national aufgestellt sind.
Analysten glauben weiterhin an die Hausse
Die Bankgesellschaft Berlin hat daher bereits "gute Chancen für eine Fortsetzung
des Aufwärtstrends" festgestellt. Und die SEB-Bank verweist darauf, dass sich ja
an den fundamentalen Faktoren, dass nämlich deutsche Firmen profitabler werden und
zudem noch niedrig bewertet sind, nichts geändert habe. Und die Deutsche Presse-
Agentur zitierte einen Fondsmanager mit den Worten: "Wir sehen keinen Grund für
einen deutlichen Trend nach unten." Die Börsen erkannten das offenbar auch recht
schnell: Schon um 9.06 Uhr hatte sich der DAX gefangen und begann wieder zaghaft
nach oben zu streben.
Quelle: Investmentfonds.de