09.08.2005
SEB: Zinstrend ändert vorerst seine Richtung
Köln, den 09.08.2005 (Investmentfonds.de) - Die Kapitalmarktzinsen sind im Juli
überwiegend gestiegen. Ereignisse wie die Terroranschläge in London und die
Änderung des Wechselkursregimes in China bewegten die Finanzmärkte nur kurz-
fristig. Der Ölpreis steigt erstmals über 60 US-Dollar. Aufgrund der robusten
US-Konjunktur signalisiert die FED weitere Zinserhöhungen. Die EZB bleibt dagegen
auf ihrem neutralen Kurs. Aufgrund des verbesserten konjunkturellen Umfeldes und
weiterer Erhöhung der US-Leitzinsen erwarten die Experten der SEB Invest weiter
tendenziell leicht steigende Renditen.
Aktuelle Entwicklung - Renditen tendieren aufwärts
Im Juli war der Zinstrend überwiegend nach oben gerichtet. Dabei schien der Monat
mit den Terroranschlägen in London am 07. Juli unter keinem guten Stern zu
stehen. Aus früheren Erfahrungen kam der Markt aber zu dem Schluss, dass die
ökonomischen Auswirkungen begrenzt seien. Konsequenterweise fiel die Reaktion der
Finanzmärkte auf das tragische Ereignis insgesamt recht moderat aus und fundamentale
Entwicklungen rückten wieder in den Vordergrund. Dabei ließ sich der Markt auch
nicht von den weiter steigenden Ölpreisen irritieren, die Anfang Juli erstmals in
der Geschichte die Marke von 60 US-Dollar überschritten.
In den USA kletterten im Juli die Renditen mit der Aussicht auf weitere Zinser-
höhungen durch die FED. Gestützt wurde diese Erwartung durch robuste Konjunktur-
daten. So fiel das Wirtschaftswachstum im 2. Quartal mit annualisiert 3,4 nach
3,8 % zwar etwas schwächer aus, doch wurde die Binnennachfrage durch den Abbau
der Lager belastet. Ohne diesen Effekt beschleunigte sich das Nachfragewachstum
von 3,5 auf 5,8 %. Zwar wurde zugleich der Konsumdeflator deutlich nach oben
revidiert, dennoch fielen die Inflationsdaten für Juni insgesamt recht gemäßigt
aus. Wachstum ohne Inflationsdruck -die Beste aller Welten? US Notenbankchef
Greenspan unterstrich in seiner Rede Mitte des Monats die Notwendigkeit weiterer
"gemäßigter" Zinserhöhungen, um dieses Bild zu bewahren. So fand sich der US-
Rentenmarkt im Juli am Ende der Rangliste wieder.
Regionen - Die meisten Märkte lagen im Minus
Nur wenige Rentenmärkte konnten im Juli eine positive Wertentwicklung erzielen.
Hierzu gehörten - auch unter Einrechnung der Währung - u.a. Ungarn und Südafrika.
Der Rentenmarkt in Euroland verlor am wenigsten unter den großen Märkten,
insbesondere aufgrund der leichten Aufwertung unter Einrechnung der Währung. So
blieb die EZB in ihrer Ausrichtung weiter neutral. Die Aufhellung der einschlägigen
Konjunkturumfragen (ZEW, Ifo, PMI) ließ die Möglichkeit von Zinssenkungen schwinden.
An den Devisenmärkten sorgte die seit langem erwartete Anpassung der chinesischen
Währung gegen Ende des Monats für Bewegung. Dabei wurde die fixe Bindung an den
US-Dollar zugunsten eines teilflexiblen ("managed floating") Systems mit einem
nicht näher spezifizierten Währungskorb aufgehoben. Bekannt ist lediglich die
Relation zum US-Dollar, gegenüber dem der chinesische Yuan zugleich um etwa 2 %
aufgewertet wurde. Zwar reagierten v.a. die asiatischen Währungen auf dieses
Ereignis, wegen der nur begrenzten Aufwertung blieben die Auswirkungen bisher
jedoch gering.
Unternehmensanleihen
... leiden ebenfalls, wenn auch unterproportional. Unternehmensanleihen verloren
dem allgemeinen Zinstrend folgend im Juli ebenfalls leicht an Wert, mußten jedoch
weniger einbüßen als Staatsanleihen. Angesichts des historisch niedrigen Spread-
niveaus bleibt die Luft in diesem Segment zwar dünn, allerdings erwarten wir
angesichts der hohen Nachfrage ("Jagd nach Rendite") und dem begrenzten Angebot -
im Sommer dürfte das Nettoemissionsvolumen zeitweilig negativ werden - keine
stärkere Spread-Ausweitung. Unter dem Gesichtspunkt des Renditevorteils bleiben
Unternehmensanleihen daher ein lohnendes Investment. Als eine Art Versicherungs-
strategie bietet es sich an, Anleihen aus Sektoren zu erwerben, die nur unter-
proportional mit der Marktentwicklung mitlaufen ("low beta").
Sollten die Spreads entgegen unserer Erwartung auseinander laufen, dürften diese
Werte weniger leiden. "Low-beta"- Branchen sind z.B. Telekommunikation, Rohstoffe
und Medien.
Ausblick - Solide Konjunktur - steigende Zinsen
Mit den bisher vorliegenden Wirtschaftsdaten zeigt sich, dass es sich bei der
Schwäche des industriellen Sektors um ein temporäres Phänomen handelte. Gegenwärtig
scheint die konjunkturelle Entwicklung weltweit wieder Tempo aufzunehmen. So
verzeichnete China im 2. Quartal ein unverändert stürmisches Wachstum von 9,5 %
und auch bei anderen asiatischen Ländern zeigen sich Erholungstendenzen bei
Industrieproduktion und Exporten.
In den USA bleibt das Wachstum robust und dürfte in nächster Zeit über der Rate des
Produktionspotenzials liegen, die auf etwa 3,0 bis 3,5 % geschätzt wird. Auch wenn
kurzfristig das Inflationsbild positiv bleiben dürfte, (vgl. MarketView vom Juli)
steigen bei einem derartigen Wachstumstempo mittelfristig die Inflationsrisiken.
Daher wird die US-Notenbank FED mit ihrer Politik der moderaten Zinserhöhungen weiter
fortfahren. Bis zum Jahresende dürfte die Zielrate für Tagesgeld ("Fed Funds") von
derzeit 3,25 % auf etwa 4 % erhöht werden. Der Zinstrend am US-Rentenmarkt sollte
daher weiter moderat noch oben gerichtet sein. Da ein Großteil der Anleger jedoch
ohnehin schon defensiv positioniert ist, dürfte der Verkaufsdruck und damit der Zins-
auftrieb aber begrenzt bleiben.
Auch in der Eurozone verdichten sich die Hinweise, dass nach einem relativ schwachen
2. Quartal eine ökonomische Stabilisierung eintritt. Die EZB dürfte jedoch bis
zu den ersten "harten Fakten" noch zurückhaltend bleiben. Hinzu kommen aus Deutschland
herrührende Unsicherheiten - Stichworte "Wahlen" und "Mehrwertsteuererhöhung". So
ist die Inflationswirkung einer Erhöhung der Mehrwertsteuer auf etwa 0,2 Prozent-
punkte zu taxieren. Wir halten daher an unserer Auffassung fest, dass die Währungs-
hüter bis zum Jahresende den Leitzins bei 2% halten. Insofern dürfte der Rentenmarkt
hierzulande die Entwicklung in Übersee zunächst nur unterproportional mitmachen.
Eine spürbarere Erholung der Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte dürfte die
Spekulationen über mögliche Zinserhöhungen jedoch wieder aufleben lassen.
Quelle: Investmentfonds.de