30.05.2005
Charlemagne: Istanbuler Börse reagiert auf NRW-Wahl
Köln, den 30.05.2005 (Investmentfonds.de) - Die nordrhein-westfälischen Landtags-
wahlen sorgten für ein Novum in der politischen Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland. Der Sturz der rot-grünen Regierung in Düsseldorf, dem politischen
Wechsel nach 39 Jahren SPD-Regierung überhaupt, folgte die Ankündigung der Bundes-
regierung, das Parlament auflösen und die Bundestagswahlen in den Herbst 2005
vorziehen zu wollen.
Aber damit nicht genug. Ein weiteres Novum ist, dass der Ausgang einer bundes-
deutschen Landtagswahl zu einem Ausverkauf der Aktien an einer internationalen
Börse geführt hat. Die Notierungen der Istanbuler Börse schlossen, gemessen am
Leitindex IMKB 100, mit einem Minus von 1.135 Punkten, was einem tiefen Sturz von
4.5% entspricht. Die Korrelation dieser beiden Geschehnisse liegt auf der Hand:
Wenn es die deutschen Christdemokraten mit einer möglichen Spitzenkandidatin,
Angela Merkel, schaffen sollten, als Sieger aus den vorgezogenen Wahlen hervorzu-
gehen, sehen türkische Anleger den ohnehin mit vielen Fragezeichen ausgestatteten
EU-Beitritt als noch gefährdeter an. Und sollten zudem am kommenden Sonntag die
französischen Wähler in dem Referendum mit einem "Nein" zur EU-Verfassung votieren,
sehen die EU-Aussichten der Türkei aus Sicht mancher Marktteilnehmer noch düsterer
aus. Aber sind diese Annahmen tatsächlich richtig?
Im Grunde haben sich die türkischen EU-Voraussetzungen durch das Votum in NRW und
der Aussicht auf eine mögliche Machtübernahme einer CDU-Geführten Regierung ab
Herbst diesen Jahres nicht geändert. Auch ein französisches "Nein" wird an dem
Status-Quo, welches durch die Brüsseler EU-Beschlüsse vom 17.Dezember erschaffen
wurde, nichts ändern. Der Türkei ist die Aufnahme von Beitrittsgesprächen am 3.Okto-
ber 2005 verbindlich zugesagt worden. Auch eine eventuell neue Bundesregierung
kann EU-Beschlüsse nicht rückgängig machen, was auch die Schattenkanzlerin Merkel
selbst zugesteht. Sie schränkt jedoch ein, wenn die Aufnahme von Beitrittsverhand-
lungen vor einem Regierungswechsel in Berlin beginnt. Daher stellt sich die Frage,
ob nach einem Machtwechsel am 11. oder 18. September, den möglichen Wahlterminen,
die Zeit ausreicht, die Aufnahme der Beitrittsgespräche zu stoppen.
Dies erscheint aus unserer Sicht eher unwahrscheinlich, da die EU der Türkei eine
rechtsverbindliche Zusage für die Aufnahme der Beitrittsgespräche am 3.Oktober gegeben
hat. Nur die Türkei selbst hat es "in der Hand", dieses Datum zu gefährden, nämlich
dann, wenn sie ihrerseits die 2 Voraussetzungen nicht erfüllt. Zum einen ist dies
die Unterzeichnung des Zusatzprotokolls zur EU-Zollunion, die die Ausdehnung derselben
auf die am 1.Mai 2004 beigetretenen neuen Mitgliedsstaaten ausdehnt. Dies kommt einer
De-facto-Anerkennung Zyperns seitens der Türkei gleich. Zum anderen muss die Türkei bis
zum 3.Oktober das Strafgesetzbuch im Sinne der Maastricht-Kriterien umgesetzt haben.
Für beide Voraussetzungen hat die Türkei die Erfüllung bereits signalisiert. Zum 1.Juni
wird das neue Strafgesetzbuch in Kraft treten und auch die Unterzeichnung des Zusatz-
protokolls wurde verbal mehrfach angekündigt.
Beide Seiten, die EU und die Türkei, haben am 17.Dezember betont, dass der Prozess
bis zu einer möglichen Aufnahme "mit Schwierigkeiten behaftet und teilweise schmerzvoll
sein wird". So gesehen ist der mögliche Machtwechsel in Berlin lediglich eine weitere,
schmerzvolle Note in der Klaviatur der Beitrittsgegner. Doch eines wird auch eine CDU-
Geführte Regierung allein nicht vermögen, den begonnenen Konvergenzprozess in der Türkei,
ökonomisch wie politisch, umzukehren. Hinter der Brüsseler Entscheidung stand das Ziel,
die Türkei aufgrund ihrer geo-strategischen Bedeutung zu einem ökonomischen wie auch
politischen Reformprozess zu bewegen, unabhängig davon, ob diese Prozesse in einer
Vollmitgliedschaft münden oder nicht. Solange diese Prozesse andauern, kann nicht von
einem Ende der "Türkei-Story" gesprochen werden.
Werfen wir nun den Blick auf die kurzfristigen Auswirkungen der aktuellen Ereignisse
auf den türkischen Aktienmarkt. Es ist davon auszugehen, dass der Druck auf die
Notierungen bestehen bleibt, vielleicht sogar bis zum Zeitpunkt der vorgezogenen
Bundestagswahlen, wenn, wovon auszugehen ist, die Türkeifrage eines der zentralen
Wahlkampfthemen sein wird. Es ist auch davon auszugehen, dass der Druck auf die
Neue Türkische Lira zunimmt und sie deshalb nachgeben wird. Wir sehen in diesem
Kontext aber auch durchaus positives Potential, insbesondere für die Export orien-
tierten Titel in unserem Portfolio wie Arcelik oder Turk Demir Dokum. Weiterhin
attraktiv wird aus unserer Sicht der Finanzsektor bleiben, wie man auch heute am
Beispiel von der Finansbank sehen konnte. Dem negativen Trend des Marktes trotzend,
konnte die Finansbank um 1.89% zulegen.
Fundamental ist die Türkei weiterhin auf einem positiven Pfad. Jüngst wurde mit dem
IMF ein weiteres "Stand-By"-Agreement unterzeichnet, das der Türkei bis 2008 einen
Kredit von USD 10 Mrd. zusichert. Zudem erwartet das IMF bis 2009 eine Reduktion
der Inflation auf 3%. Das Wachstum des BIP wird nach 9.9% in 2004 für dieses Jahr
mit einem Wert zwischen 4% und 5% erwartet, die gleiche Erwartung liegt für 2006 vor.
Wir sind davon überzeugt, dass sich diese Aussichten auch an der Istanbuler Börse
widerspiegeln werden. Wer aber erwartet, dies auf kurzfristiger Sicht sehen zu können,
liegt nicht richtig. Konvergenzprozesse brauchen und nehmen sich ihre Zeit,
Rückschläge sind dabei inbegriffen.
Quelle: Investmentfonds.de